Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

312 ; Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei. 
zu achten: .denn wie weit er immer in der Beschreibung des 
Kinzelnen fortgeschritten sein mag, so muss sich doch stets das 
Erreichte zu dem, was noch zurückbleibt, wie eine endliche 
uürösse zur Unendlichkeit verhalten. Fasst man dagegen das 
Verstehen intensiv nach der Geltung und Vollkommenheit auf, 
zu der es sich zu erheben vermag, so gibt uns die reine Mathe- 
matik das Musterbeispiel einer Erkenntnis von absoluter, objek- 
liver Sicherheit, einer Sicherheit, die in sich selbst ihre Wurzel 
und völlige Gewähr hat und die durch keinen Vergleich mit 
einer höheren Instanz — und wäre es der unendliche göttliche 
Intellekt — in diesem ihrem Eigenwerte herabgesetzt werden kann. 
Das „Absolute“ entschwindet uns, wenn wir es als das äussere 
Objekt der Erkenntnis ansehen und erforschen wollen; wir ge- 
winnen cs zurück, wenn wir lernen, es lediglich in den funda- 
mentalen geistigen Wahrheiten selbst zu suchen. Es gibt keine 
Erkenntnis vom Absoluten, wohl aber absolut gewisse Erkennt- 
nisse.!%) Fortan ist die Forderung des Syslems im alten Sinne, 
in dem es einen endgiltigen und unbedingten Abschluss be- 
zeichnete, aufgehoben: systematische Prinzipien sind vielmehr 
diejenigen, die, während sie nach der Tiefe hin als erste „Vor- 
ıussetzungen“ (prime supposizioni) ihren festen Halt und Ab- 
schluss haben, sich in der Richtung der konkreten Anwendungen 
zu immer erneuten und immer fruchtbareren empirischen Folge- 
rungen weilerentwickeln. 13) Selbst der geringfügigste Teil der 
Natur bietet der Erkenntnis in diesem Sinne ein unerschöpfliches 
>roblem. 11) Sieht man somit den Sinn der Induktion in der 
\bzählung des Einzelnen, so enthält dies einen innerlichen me- 
thodischen Widerspruch. Sie wäre alsdann entweder unmöglich 
der unnütz: unmöglich, wenn die Anzahl der besonderen Fälle 
unendlich; unnütz, wenn sie begrenzt wäre, da im ersten Fall 
4as Verfahren niemals zum Abschluss gelangen könnte, im zweiten 
aber das Ergebnis in den Vordersätzen schon vollständig gegeben 
und somit nichts als eine leere Tautologie wäre. Der Obersatz 
jeder Induktion darf der abgesonderten Einzelbeobachtung nicht 
gleichwertig zur Seite stehen, sondern muss ihr als allgemein- 
gültige, mathematisch begründete Relation übergeordnet sein; die 
blosse Summierung des Einzelnen kann niemals die Anwendung 
auf die Allheit der möglichen Fälle begründen und rechtferti-
	        
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