Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

314 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei. 
Lösung des Wurfproblems, die Zerlegung der Geschwindigkeit in 
lie beiden Komponenten von horizontaler und vertikaler Richtung 
and ihre Zusammenfassung zur Wurfparabel bietet hierfür das 
klare methodische Beispiel. Hier wird zunächst von der Forde- 
rung ausgegangen, für die beiden Momente, die in Betracht 
kommen, für die gleichförmige Bewegung auf der Horizontalen 
und den gleichförmig beschleunigten Fall in der Senkrechten, ein 
gemeinsames Maass zu definieren: dieses gemeinsame Maass 
verbürgt und stellt unmittelbar die gemeinsame „Natur“ dar, 
die für die Vereinigung der Inhalte zu fordern ist.13) Die Schwere 
als „innerlicher Hang“, als „propensione intriseca“ gedacht, lässt 
sich mit der „gewaltsamen“ Wurfbewegung nicht vereinbaren; 
erst wenn sie als Beschleunigung bestimmt und somit als reine 
Grösse objektiviert wird, kann sie als Faktor in das Gesamt- 
produkt eingehen. !%) 
Die Zusammensetzung der Kräfte bietet jetzt kein schwie- 
rigeres Problem mehr, als die der Zahlen — der Gedanke der 
reinen „Arithmetik der Kräfte“, in dem Kepler sich von der 
Naturphilosophie schied, ist vollendet. Die Aufwärtsbewegung 
eines Steines erscheint nunmehr nicht minder einfach, als seine 
Fallbewegung, sofern beide unter einer gemeinsamen mathema- 
tischen Regel begriffen werden können: die Einheit des Prin- 
zips, nicht die Einfachheit des Subjekts, bildet das entschei- 
dende Kriterium. Die ältere Ansicht muss im Grunde fordern, 
dass die Erkenntnis der einzelnen Substanzen erledigt und abge- 
schlossen sei, ehe wir daran gehen können, die Beziehungen zwi- 
schen ihnen festzustellen. Immer von neuem kehrt daher gegen 
Galileis Bewegungsgesetze der Einwand wieder, dass die Sub- 
jekte, von denen sie handeln, nicht Gegenstände der Natur, son- 
dern rein fiktive Gebilde seien; immer wieder erhebt sich die 
Forderung, die Körper, wenn wir ihr Verhalten erforschen wollen, 
in all ihren Beschaffenheiten und Eigenschaften (con tutte le sue 
passioni) zu Grunde zu legen.!%) An dem Kampfe Keplers gegen 
Robert Fludd konnten wir uns vergegenwärtigen, wie sehr dieses 
scheinbar so gesunde, empiristische Erkenntnisideal der Mystik 
nahesteht. (S. ob. S. 267 £) Wieder ist es das Problem der 
Wurfbewegung, dessen Behandlung durch Galilei hier die scharfe 
orinzipielle Grenze zieht. Ueber alle Zufälligkeiten des konkret
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.