Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

316 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei, 
haftet, fertig gegeben. Indem die neue astronomische Weltansicht 
diese letztere Annahme als sinnliche Täuschung erweist, berich- 
tigt sie damit mittelbar auch die entsprechende allgemeine Auf- 
fassung der Wirklichkeit. Ein besonderer empirischer Gegen- 
stand ist, was er jst, erst durch die bestimmte räumliche Lage 
and durch seine Stellung im Ganzen des Universums; haben wir 
somit eingesehen, dass sein wirklicher Ort und seine wirkliche 
Bewegung niemals durch die unmittelbare Wahrnehmung, son- 
lern erst auf Grund verwickelter Schlussfolgerungen bestimmt 
werden kann, so begreifen wir, dass auch zu dem wahrhaften 
Sein der Objekte auf keinem anderen Wege zu gelangen sein 
wird. Es ist interessant zu betrachten, wie bei den Begründern 
der modernen Wissenschaft die neue Erkenntnis sich allmählich 
durchringt. Copernicus beginnt mit einer klaren Formulierung 
des Relativitätsgedankens: alle sichtbare Ortsveränderung kann 
entweder aus der Bewegung der Objekte oder aus der des Zu- 
schauers, oder endlich aus einer Vereinigung dieser beiden Momente 
arklärt werden. Die Angabe des jedesmaligen Coordinatenmittel- 
punkts ist somit notwendig, um dem Urteil über eine einzelne Be- 
wegungserscheinung Klarheit und Bestimmtheit zu verschaffen. 143) 
In der konkreten Einzelanwendung indes konnten auch bei ihm 
ıoch Irrtümer bestehen bleiben, die davon herrührten, dass er 
lie Planetenbahnen bald auf die Fixsterne, bald auf den Mittel- 
unkt der Drehung als Orientierungspunkt bezog; — die somit 
mangelnde Klarheit über den selbstgefundenen ersten Grundsatz 
bekundeten. 14) Kepler hat diese Mängel des Systems verbessert — 
aber selbst bei ihm handelt es sich mehr darum, den absoluten 
Mittelpunkt zu verlegen, als sein Dasein überhaupt zu leugnen. 
Die Begrenzung und die Kugelgestalt der Welt gilt ihm, wenn 
nicht aus astronomischen, so doch aus metaphysischen Gründen 
als erwiesen.14#5) Bei Galilei erst ist auch diese Schranke beseitigt, 
and wenngleich er es in kritischer Zurückhaltung vermeidet, 
über Giordano Brunos Satz von der Unendlichkeit der Welten 
positiv zu entscheiden, da diese Frage über die Grenzen der Er- 
kenntnis hinausliege, so steht ihm doch die Unabschliessbarkeit 
der Erfahrung überall fest. Es gibt keinen einzelnen bevor- 
zugten Puukt des Universums mehr: auch die Sonne weist 
zeinerlei Eigenart und keinerlei „Bedingung“ auf. vermöge deren
	        
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