Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einleitung . 
Begriffen des Raumes und der Zeit, wie sie bei ihrem ersten Auf- 
treten in der neueren Philosophie noch völlig in metaphysische 
Voraussetzungen verstrickt sind. Und dieser ihr Zusammenhang 
mit der Gotteslehre, der uns zuerst in der italienischen Natur- 
philosophie begegnet, bleibt weiterhin, bis zu Newton, herrschend. 
Noch Kant hat — wie sich uns zeigen wird — bei seiner trans- 
scendentalen Kritik des Raumes und der Zeit eine bestimmte ge- 
schichtliche Fassung und Ausprägung dieser Begriffe vor Augen, 
die gleich sehr durch das Interesse an der wissenschaftlichen 
Grundlegung der Mechanik, wie durch allgemeine metaphysische 
Fragestellungen bedingt ist. Können wir somit den Gegenstand 
unserer Untersuchung nicht von seinem metaphysischen Hinter- 
grund ablösen, so dürfen wir doch bei den metaphysischen Pro- 
blemen nur insoweit verweilen, als wir in ihnen die Hülle und 
das Symptom von Fragen sehen, die das Verhältnis der Erkennt- 
nis zu ihrem „Gegenstand“ betreffen. Es ist der charakteristische 
Grundzug der neueren Metaphysik, dass sie kraft ihres eigenen 
ımmanenten Fortgangs immer deutlicher zu diesen Fragen hin- 
strebt. Allgemein soll uns die Geschichte des Erkenntnisproblems 
nicht sowohl einen Teil der Geschichte der Philosophie bedeuten 
— denn bei der inneren sachlichen Wechselbedingtheit aller Glie- 
der des philosophischen Systems bliebe jede solche Abtrennung 
eine willkürliche Schranke —, als sie vielmehr das Gesamt- 
gebiet unter einem bestimmten Gesichtspunkt und einer be- 
stimmten Beleuchtung darstellen und damit gleichsam in einem 
Querschnitt den Inhalt der neueren Philosophie zur Anschauung 
bringen soll. 
Die analytische Aufgabe, die dem modernen Denken gestellt 
war, findet ihren logischen Abschluss im System Kants. Hier 
erst wird der letzte endgiltige Schritt getan, indem das Erkennen 
völlig auf sich selbst gestellt und nichts mehr, im Gebiete des 
Seins wie des Bewusstseins, seiner eigenen Gesetzlichkeit vor- 
angesetzt wird. Aber indem Kant diese Wendung vollzieht, bringt 
er damit nicht sowohl die früheren Gedankenreihen zur Vollen- 
dung, als er vielmehr zum Scböpfer neuer Probleme wird, die bis 
unmittelbar in unsere philosophische Gegenwart hineinreichen und 
daher nicht mehr in geschichtlicher, sondern nur in systemati- 
scher Untersuchung behandelt und beurteilt werden können. Das
	        
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