Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die philosophische Bedeutung von Galileis Wissenschaft. 3238 
er durchgehend und konsequent betätigt. Glied reiht sich an 
Glied in strenger innerer Folgerichtigkeit. Von der Erfahrung, 
von Experiment und Beobachtung, wurde ausgegangen. Aber die 
Erfahrung selbst ist hier nicht mehr, wie in der Naturphilosophie. 
die blosse beziehungslose Anhäufung des Wahrnehmungsstoffes, 
„experimentorum multorum coacervatio“; sie ist ein streng ge- 
gliedertes Ganze und ein notwendiger Zusammenhang. Aus 
diesem Gesichtspunkt der Notwendigkeit bestimmte sich für Ga- 
lilei die Auffassung und die Definition der Materie und der Be- 
wegung. Zugleich wurde deutlich, dass der Charakter der Not- 
wendigkeit nicht in den Dingen, sondern in den Bedingungs- 
sätzen der Mathematik gegründet ist: dass er daher nicht in 
letzten und höchsten schematischen Gattungsbegriffen, sondern 
in universellen Beziehungen und Gesetzen zu fixieren ist. So 
steht die neue Ansicht unter der Herrschaft und Leitung des Re- 
lationsgedankens, der seine deutlichste Ausprägung im Begriff der 
Funktion besitzt. Nicht lediglich das neue Tatsachenmaterial, 
sondern die veränderte prinzipielle Ansicht, aus der es gewonnen 
wurde, bildet die Grenze zwischen der Scholastik und der neue- 
ren Zeit. Galilei hat — nach einem Worte Campanellas — einen 
neuen Himmel und eine neue Erde entdeckt; aber er vermochte 
es nur auf Grund des neuen Erkenntnisideals, das er für die 
Wissenschaft formulierte.1%) Er selbst hat das geleistet, was er 
der syllogistischen Lehre abspricht:!'®) die Logik ist bei ihm zum 
positiven und fruchtbaren Werkzeug der Naturerkenntnis, zum 
„Organon“ der Entdeckungen geworden. „Ich achte den ersten 
Erfinder der Lyra — so urteilt er selbst — wenngleich sein In- 
strument noch unfertig im Bau und rauh im Klang gewesen sein 
mag, darum nicht geringer, ja ich stelle ihn höher, als hundert 
andere Künstler, die später seine Erfindung vervollkommnet 
haben. Von geringfügigen Anfängen aus zu grossen Entdeckun- 
gen vorzudringen, in dem ersten kindischen Scheine den Keim 
wunderbarer Kunst zu erblicken: das ist keine Leistung von 
Dutzendköpfen, sondern erfordert Gedanken und Entwürfe einer 
über das Maass des Menschlichen hinausragenden Geisteskraft“. 161) 
Wir dürfen diese Worte auf Galilei selber anwenden; wie sehr 
das gedankliche Instrument der Naturerkenntnis, das er geschaffen, 
in der Geschichte der Wissenschaft geschärft und verfeineri 
Se
	        
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