380 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Die Mathematik.
Prozess des Werdens fassbar und bestimmbar wird. Die
Bewegung erschöpft sich in einem beständigen Entstehen und
Vergehen; das „Dasein“, das eine Dauer und ein Beisammen
ihrer einzelnen Momente verlangen würde, ist ihr versagt. Wenn
wir sie dennoch als eine Einheit denken und festhalten wollen,
wenn sie uns nicht in ein beziehungsloses Nacheinander isolierter
Folgezustände zerfallen soll, so muss in jedem ihrer Einzel-
momente die Beziehung auf den Gesamtprozess und auf
die Regel, nach der er sich vollzieht, bereits mitenthalten sein.
Das Gesetz, das Raum und Zeit aneinander bindet, geht voran:
erst wenn es gegeben ist, ist die Bewegung aus einem flüchtig
auftauchenden und wieder verschwindenden psychologischen
inhalt zu einem wahrhaften wissenschaftlichen Objekt geworden.
Aber es genügt nicht, die funktionale Abhängigkeit, die in ihm
gesetzt ist, allgemein auszusprechen und sie etwa an dem Ver-
hältnis einer beliebig herausgegriffenen, endlichen Raumstrecke
zu der ihr entsprechenden Zeitdauer zu erläutern. Das Gesetz
soll unbeschränkt für jeden beliebig kleinen Teil der Bahn, für
jeden der einzelnen Zustände gelten, in deren Nacheinander die
Bewegung besteht. Sein Inhalt und seine Allgemeinheit tritt
daher erst dann vollständig hervor, wenn wir es in dieser
punktuellen Wirksamkeit und Bestimmtheit auffassen: wenn
wir die Verknüpfung, die in ihm zwischen Raum und Zeit
ausgesprochen ist, bereits in jedem unteilbaren Zeitmoment be-
stehend und giltig denken. Es gehört der Geschichte der Mathe-
matik und Mechanik an, zu untersuchen, wie aus diesem Gedanken
ıeraus der Begriff des „Moments“ und mit ihm das erste, typische
Beispiel des „Unendlich-Kleinen“ entstanden jist.!7!) Für uns ist
3s vor allem von Wichtigkeit, dass der Begriff des Unendlichen,
der, auf das räumliche Kontinuum allein bezogen, mit inneren
Schwierigkeiten und Zweideutigkeiten behaftet blieb, seine erste
Klärung und Fixierung im Begriff der Geschwindigkeit ge-
iunden hat. Nicht das Differential des Raumes, ja auch nicht
das der Zeit vermochte von sich allein aus den Weg zu weisen:
der Begriff des Differentialquotienten bildete den geschicht-
lichen und logischen Ausgangspunkt. Die Funktionalglei-
chung bietet — auf ihren reinsten und prägnantesten Ausdruck
gebracht — zugleich den sichersten und „substantiellsten“ Unter-