Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Das Copernikanische Weltsystem und die Metaphysik, 341

ternen Beobachter wie Gilbert mischt sich in die Widerlegung
der herkömmlichen Einwände gegen die neue Anschauung ein
sittliches Pathos: kleinmütige und ängstliche Gemüter heissen
ihm. alle die, die durch die Erdbewegung den festen Halt und
die feste Stellung im Universum zu verlieren fürchten.?) Goethes
Urteil über das Copernikanische System bringt diese ethische Rückwirkung,
 die von ihm ausgehen musste, zum lebendigen Ausdruck,
„Vielleicht ist noch nie eine grössere Forderung an die Menschheit
 geschehen; denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung
 in Dunst und Rauch auf: ein zweites Paradies, eine
Welt der Unschuld, Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis
der Sinne, die Ueberzeugung eines poetisch-religiösen Glaubens;
kein Wunder, dass man dies alles nicht wollte fahren lassen:
dass man sich auf alle Weise einer solchen Lehre entgegensetzte,
die Denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher unbekannten, ja
ungeahnten Denkfreiheit und Grossheit der Gesinnungen berechtigte
 und aufforderte.“ In der Tat wird in der neuen Lehre das
Individuum, das zunächst durch die Anschauung und das Gegenbild
 des Alls beschränkt zu werden scheint, in Wahrheit in seinem
sittlichen Selbstbewusstsein erhöht und befestigt. Wenn das erkennende
 Subjekt trotz der Begrenzung und Relativität seines Standortes
 die Ordnung des Alls einzusehen und festzustellen vermag, so
ist eben darin die durchgängige Einheit der Natur und des Erkenntnisgesetzes
 verbürgt. Die scholastische Auftassung dagegen,
so sehr in ihr die Natur überall auf das Individuum bezogen und
erst in ihm ihren Mittelpunkt zu finden scheint, endet dennoch
überall in der dualistischen Entgegensetzung von Natur und Geist.
In ihrer Wertbetrachtung ergibt sich ein Widerspruch, den Galilei
scharf und treffend bezeichnet: die Erde, die als das Zentrum des
Alls und als der Zielpunkt gilt, auf den alles Geschehen abzweckt,
bleibt dennoch, im Gegensatz zur unwandelbaren Vollkommenheit
der himmlischen Sphären, gleichsam die „Hefe der Welt“ und
der Sitz alles Verworfenen und Niedrigen.) Nur durch den
Mittelbegriff der Erlösung, damit aber der Sünde, kann der
Zweckvorzug und die Ausnahmestellung des Menschen behauptet
und gerechtfertigt werden; erst in ihr erhält die Persönlichkeit
ihre religiöse Idealität, die indes ihrer Freiheit und Selbstbestimmung
 widerstreitet. —
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.