Die metaphysischen Grundlagen von Brunos Erkenntnislehre. 347
bestimmung des Intellekts bereits eine Folgerung aus seiner Meta-
physik, nicht ihren Anfang und ihr Fundament darstellt. ‘Der
Charakter und die Geltung des Denkens bestimmt sich nach
der Art des absoluten Seins; nicht umgekehrt dieses nach jenem:
Um die Erkenntnislehre Brunos richtig zu deuten und ihr ihren
Platz im Gesamtsystem anzuweisen, müssen wir daher überall
auf die Grundzüge seines Pantheismus zurückgehen. Die Eine
unendliche Substanz kann nicht anders, als in einer Unendlichkeit
von Wirkungen sich selber offenbar werden. Denn sie ist keine
einzelne‘ losgelöste Existenz, die ausserhalb der Natur geson-
derten Bestand hätte, sondern besitzt ihre Realität lediglich in
ihrer immanenten Betätigung: Potenz und Akt, Vermögen und
Dasein fallen in ihr in Eins zusammen. Wir können daher den
Aeusserungen der Einen Grundkraft keine Schranken setzen,
ohne damit, da all ihr Sein in ihrem Wirken aufgeht und be-
schlossen ist, sie selber zu begrenzen.!’) Geistiges und körper-
liches Sein werden jetzt gleichmässig zum Sinnbild der unbe-
schränkten, göttlichen Schöpfertätigkeit; sie enthalten. zur Viel-
heit entfaltet, was in ihr in ursprünglicher Einheit gegeben ist.
Der Intellekt selbst samt all seinen Bestimmungen ist somit eine
Darstellung und gleichsam eine symbolische Nachahmung des-
selben ursprünglichen Prinzips, aus dessen Grunde die Natur her-
vorgeht. Die Art, in der er seine Inhalte erschafft, indem er die
Vielheit des Wahrnehmungsstoffes unter begriffliche Einheiten
festhält und bindet, das Verfahren, durch welches er rück-
schreitend diese Einheit wiederum in eine Mannigfaltigkeit von
Momenten auflöst; dies alles ist nichts anderes, als eine Wieder-
holung des Prozesses, durch den die Natur vom „Kleinsten“ zum
„Grössten“, von einer Grundkraft, die bereits im ersten Keime
ungeteilt vorhanden ist, zum entwickelten Gebilde fortschreitet.18)
Wie die höchste intelligible Einheit durch „Konkretion“ sich
entfaltet und in unsere Welt herabsteigt, so müssen wir um-
gekehrt wiederum durch Abstraktion zu ihr aufzusteigen
suchen, indem wir die unendliche Menge der Individuen auf feste
Arten und Begriffstypen einschränken und diese in stetiger
Stufenfolge bis zur höchsten allumfassenden Gattung hinaufver-
folgen.!®) Wie die Dinge sich zu ihren Urbildern im göttlichen
Geiste verhalten, so. verhält sich der menschliche Verstand