Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

a 
Gierdano Bruno. 
gung ziehen, so kann auch jeder Teil des Universums erst dann 
als völlig erkannt gelten, wenn wir seine Beziehung zu allen 
übrigen Elementen und zu der gesamten ursprünglichen und 
vollkommenen Ordnung des Alls verstanden haben.#%) Diese 
Funktion, die Mannigfaltigkeit der Bestimmungen in einer Einheit 
der Regel zu begreifen, erscheint jetzt im Gegensatz zur her- 
kömmlichen logischen „Subsumption“ als der eigentliche Cha- 
vrakter des Verstandes. So vermag z. B. die blosse Wahrnehmung 
den Begriff des wahrhaften, mathematischen Kreises nicht zu 
fassen, ja sie könnte nicht einmal eine exakte Kreisgestalt, wenn 
sie ihr empirisch dargeboten würde, als solche erkennen und 
von den übrigen verworrenen Inhalten des Sinnes unterscheiden. 
Denn die Idee des Kreises setzt erstlich die Auffassung eines ein- 
zelnen Punktes, sodann aber das Durchlaufen einer unbeschränk- 
ten Vielheit von Punkten voraus, wobei zugleich das Gesetz mit- 
zudenken ist, das die Beziehung dieser einzelnen Lagen unter- 
einander und auf das gemeinsame Zentrum beherrscht.®) Diese 
Forderung kann aber nur vom Verstande erfüllt werden, dessen 
auszeichnende Eigentümlichkeit es ist, die unbestimmte Viclhheit, 
die die Empfindung und selbst das gewöhnliche „diskursive“ 
Denken darbieten, in einem einzigen Blicke zu überschauen. 3%) 
Der Begriff der Einheit bezeichnet sowohl die Funktion, wie 
den Gegenstand des Erkennens: wäre die Einheit aufgehoben, so 
wäre damit zugleich jedes Objekt des Denkens beseitigt.3) Mit 
einem Neuplatonischen Bilde vergleicht Bruno daher den Sinn, 
der Eindruck an Eindruck gleichmässig ins Unbestimmte anein- 
anderreiht, der geraden Linie, während der Intellekt, der alle 
Mannigfaltigkeit seines Inhalts zugleich reflexiv auf seinen eige- 
nen Mittelpunkt zurückbezicht, dem Kreise gleichgesetzt wird. 
Die menschliche „Vernunft“ dagegen, die die Spuren und Bedin- 
gungen beider Grundvermögen an sich trägt, kann insofern als 
ihre Resultante dargestellt und unter dem Bilde einer „Schiefen 
Linie‘ begriffen werden.%®) Indessen sind auch in dieser symbo- 
lischen Bezeichnung die beiden Grundbestimmungen noch nicht 
zu voller, innerlicher Versöhnung gelangt. Noch immer erscheint 
die Mannigfaltigkeit in der logischen Charakteristik des Denkens 
als ein gleichsam fremdes und untergeordnetes Moment, das im 
[dealbegriff der Erkenntnis ausgeschaltet und überwunden ist.
	        
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