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Giordano Bruno.
Tendenz und gleichsam die innere Spannung, die zur Umbildung
hindrängt, will jetzt der Begriff der „Potenz“ bedeuten. (S. ob.
8. 197 £.).
Indem Bruno diesen dynamischen Begriff des Seins auf-
nimmt, gewinnt er an ihm erst die Vorbedingung, unter der er
das Grundproblem seiner Metaphysik, das Verhältnis des End-
lichen zum Unendlichen, zu anschaulicher Klarheit zu ent-
wickeln vermag. Solange er hierfür auf die räumlichen Ana-
logien verwies, konnte die „Teilhabe“ des Individuums am AlI, die
„Durchdringung‘“ des Besonderen und Allgemeinen nur in unbe-
stimmten Metaphern ausgesprochen werden. Wie ein und die-
selbe Stimme von unbeschränkt vielen empfindenden Subjekten
vernommen und aufgefasst werden kann, ohne darum in ihrer
Wesenheit zerteilt und geschwächt zu werden, so soll das Leben
der Gesamtnatur völlig und ungeteilt in jedem ihrer Glieder gegen-
wärtig sein; — wie das Licht, das von einem Punkte ausstrahlt,
sich nach allen Richtungen hin gleichmässig verbreitet, so ver-
mag die schöpferische Tätigkeit des Universums die Vielheit der
Einzeldinge, ohne in sie verstrickt und aufgelöst zu werden, zu
erleuchten.4°) Zu schäıuferer begrifflicher Bestimmung gelangt
der Gedanke, der solchen symbolischen Wendungen zu Grunde
liegt, erst dort, wo an Stelle des blossen Daseins das Werden,
an Stelle des Raumes die Zeit in den Mittelpunkt der Be-
trachtung tritt. Niemals kann im Ssinnlich-konkreten Dasein
das Einzelne mit dem All wirklich zusammenfallen: nur in
dem Streben des Endlichen nach dem Unendlichen, in dam
Fortschritt und der Tendenz zu immer neuen Bildungeh, ent-
hüllt sich der Zusammenhang beider Grundmomente. Ihre Ein-
heit ist niemals in einem einzelnen, gegebenen Zeitpunkte vor-
handen und aufzeigbar, sondern stellt sich innerhalb des Natur-
prozesses beständig von neuem her, ohne jemals zu einem völligen
Abschluss zu gelangen. Kein begrenztes Wesen ist jemals zu-
gleich alles das, was es seiner Natur und seiner Wesenheit nach
zu sein vermag: aber es enthält auf jeder Einzelstufe seines Seins
die Kratt und den Keim zu allen künftigen Formen in sich und
ist durch sie seiner Unendlichkeit versichert.4l)
Es ist somit der Begriff der Entwicklung, der dem Begrift
der Materie neuen Sinn und Inhalt verleiht. Anfangs zwar