Der Begriff des Minimums.
361
gegeben sind und an die daher jede wissenschaftliche Betrach-
tung und Forschung anknüpfen zu müssen scheint, haben sich
für die tiefere logische Analyse als unerkennbar erwiesen.
Das zusammengesetzte, veränderliche Wesen des Einzelkörpers
ist dem reinen Begriff und seiner unwandelbaren Einheit dauernd
iremd und unfassbar. Sobald wir die Untersuchung auf diesen
bestimmten Himmel und diese bestimmten Gestirne richten,
die uns vor Augen liegen, haben wir damit das Feld der echten,
deduktiven Erkenntnis bereits verlassen.5) Die Einzelobjekte, so
sehr sie uns den Schein einer eigenen selbständigen Natur vor-
täuschen, haben weder Sein noch Wahrheit.) Mit dieser letzten
Folgerung ist die Physik in die Metaphysik aufgelöst und aufge-
hoben. Wie zuvor zwischen Sinnlichkeit und Denken, so tut sich
jetzt zwischen dem Allgemeinen und Besonderen eine Kluft auf:
es zeigt sich kein Weg, der das Sinnliche mit dem „Intelligiblen“
in Beziehung setzt und es zu ihm hinanführen könnte.) Zwar
mag das Besondere noch immer den Anlass und Antrieb der
reinen idealen Erkenntnis bilden: die Hoffnung aber, es in sich
selber zu begreifen, es bei Erhaltung seiner Eigenart unter uni-
versellen Beziehungen und Regeln zu verstehen, ist geschwunden.
Alles Wissen von Tatsachen bleibt bedingt und zufällig: es gibt
lediglich eine Geschichte, nicht eine exakte Wissenschaft der
ampirischen Natur.#) Und dennoch war es die moderne, astro-
nomische Erfahrung, von der Bruno ausgegangen war, dennoch
ist es dieser Himmel und dieses Sonnensystem, das für ihn das
Vorbild ist, an dem er seine metaphysische Gesamtanschauung
des Alls entwickelt. So stehen sich hier zwei Grundmotive, an
deren jedem die Eigenart und das Schicksal des Systems zu
hängen scheint, widerstreitend gegenüber. Ks ist eine innere
Dialektik, die über die bisherigen Festsetzungen weiter treibt,
die zu einer neuen Würdigung und logischen Wiederherstellung
les Einzelwesens hindrängt.
Von diesen Erwägungen aus lässt sich die Wandlung be-
greifen, die Brunos Philosophie in ihrer letzten Phase: in der
Schrift „de triplici minimo et mensura“ erfährt.
In der Tat bedeutet der Begriff des Minimums zunächst
nichts anderes als einen neuen Halt- und Stützpunkt, den Bruno
in der Frage nach dem Verhältnis des Allgemeinen und Be-