Das Minimum als „Maass der Dinge“.
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überwunden. Die Geometrie insbesondere bedarf zu ihrem Auf-
bau und zum Erweis ihrer Sätze nirgend. der Annahme eines
räumlichen Continuums. So wahr sie es mit Gebilden von
fester Gestalt und Begrenzung zu tun hat, so wahr verlangt sie
feste, in sich gegliederte Maasse, die sie nur in letzten dis-
kreten Einheiten gewinnen kann. So stellt sich z. B. die Linie
als ein Aggregat von Punkten dar, die, wenngleich nicht weiter
teilbar, dennoch eine bestimmte Ausdehnung besitzen, durch
die sie imstande sind, eine endliche Grösse zu konstituieren.
Allgemein ist es der Gesichtspunkt der Zusammensetzung,
der den Begriff der Grösse erst erschafft und ermöglicht. Nur
dort, wo wir Einheit für Einheit gesondert aufzeigen und
aufreihen können, haben wir das Ganze erkannt und gleichsam
in seiner inneren Struktur durchschaut. Das „Irrationale“ ist so-
wenig ein Gegenstand der Geometrie, wie des Denkens überhaupt,
dessen erstem Grundgesetz es vielmehr widerstreitet, An dem
Begriff des „Incommensurablen“ zeigt sich am deutlichsten die
Ohnmacht der bisherigen Geometer, die in Wahrheit, zugleich
mit dem Begriff des Minimums, jegliches echte Maass entbehrten:
„ametrae sunt vulgares geometrae, quod minimo carent“.®) Wenn
das Wort Ad7oc zugleich für Vernunft und für Verhältnis ge-
braucht werden darf, so ist jede Grösse, die zu einer anderen
keine bestimmt angebbare, zahlenmässige Proportion besitzt, eben
Alarum auch in sich selbst unfassbar und undenklich. So schwindet
freilich die Mathematik in ihrer bisherigen Gestalt dahin: aber
statt über den Untergang des Unmessbaren und Irrationalen zu
klagen, sollten wir uns vielmehr der Wiedergeburt des Maasses
und der Vernunft freuen.®) —
Wir müssen an diesem Punkte innehalten, um uns, bevor wir
zu den paradoxen und widerspruchsvollen Folgerungen Brunos
weiterschreiten, des Grundmotivs bewusst zu werden, aus dem
seine Lehre hervorgegangen ist. Es bedarf keines Wortes darüber,
dass Bruno sich mit diesen ersten Anfangssätzen bereits die Ein-
sicht in den wissenschafllichen Charakter der Mathematik dauernd
verschlossen hat. Für die moderne Analysis insbesondere ist der
Begriff des Irrationalen, in seiner schärferen und reineren
Fassung, zum Ausgangspunkt und Hebel ihres wichtigsten Er-
kenntnisfortschritts geworden: er ist es, an dem sich zuerst der