Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Descartes. 
uns die Unterschiede und Abstufungen der einzelnen Farben 
durch Verschiedenheiten der Gestalt darzustellen und vorzuführen: 
wobei wir uns nur — wie Descartes niemals zu betonen unter- 
lässt — zu hüten haben, den selbstgeschaffenen Bildungen unseres 
Denkens eine neue selbständige Wesenheit unterzuschieben.%) 
Nirgends bedeutet hier die Ausdehnung, wie später in der 
Metaphysik, eine eigene Substanz, die sich vom Denken ablöst, 
sondern ein Substrat, das wir den empirischen Naturerschei- 
nungen unterbreiten, um sie messbar und damit „begreiflich“ zu 
machen. In welcher inneren Uebereinstimmung Descartes sich 
hier mit den wissenschaftlichen Klassikern, mit Gilbert und 
Galilei, befindet, lehrt insbesondere die Erörterung des Magne- 
tismus, die sich in den Regeln findet. Die meisten — so heisst 
es hier — pflegen schon in den Anfängen einer physikalischen 
Untersuchung sich zu verwirren, da sie nicht wissen, auf welche 
Art von Gedanken sie ihren Geist richten sollen und da sie 
wähnen, es gelte ein ganz unbekanntes und fremdartiges Sein 
zu entdecken. Sollen sie etwa die Natur des Magneten be- 
stimmen, so werden sie ihren Blick alsbald von den evidenten 
und sicheren Erscheinungen ablenken und sich den schwierigsten 
Fragen nach der inneren Struktur und Beschaffenheit der magne- 
tischen Körper zuwenden: wobei sie sich mit der vagen Er- 
wartung betrügen, im Umherirren durch das unendliche Gebiet 
möglicher Ursachen vielleicht auf eine neue, zuvor unbekannte 
zu treffen. Wer indes bedenkt, dass alle Erkenntnis, die 
wir von diesem Gegenstand gewinnen können, sich jedenfalls aus 
einfachen, an sich bekannten und zugänglichen Gründen und 
Tatsachen aufbauen muss, der wird zunächst sorgsam alle 
Experimente, die über den Magneten zu gewinnen sind, zu- 
sammenstellen und sodann, durch Analyse und Deduktion, zu 
erforschen suchen, welche Verbindung „einfacher Naturen“ die 
gegebenen Erscheinungen und Wirkungen hervorzubringen im- 
stande ist. „Ist dies geschehen, so wird er getrost behaupten 
dürfen, die wahre Natur des Magneten erfasst zu haben, soweit 
dies wenigstens für die menschliche Erkenntnis und mit den 
Daten, die die Erfahruug in ihrem gegenwärtigen Stande uns 
darbietet, möglich ist‘“.%) Man kann das neue Ideal des Be- 
greifens der Phänomene. das Galilei verwirklicht hat. nicht
	        
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