Descartes.
noch ein charakteristisches Beispiel herauszuheben — bei der
Erklärung des Regenbogens in den „Meteoren“ davon aus, dass
Jie Bedingungen dieses Phänomens nicht nur am Himmel, son-
dern überall dort gegeben sind, wo wir, wie bei den Spring-
brunnen, ein Zusammenwirken von Lichtstrahlen und Wasser-
tropfen beobachten können. Indem er ferner erwägt, dass diese
Tropfen rund sind und dass ihre absolute Grösse für die Er-
scheinung selbst nicht in Betracht kommt, wird er dahin geführt,
seine Beobachtung nicht unmittelbar auf den Regenbogon selbst
zu lenken, sondern sich zuvor ein Modell] zu erschaffen, an dem
er alle Bedingungen und Einzelphasen des Problems‘ studiert:
indem er nämlich eine völlig durchsichtige Glaskugel mit Wasser
füllt und an ihr die Erscheinungen des durchgehenden Licht-
sirahls beobachtet. Die Ergebnisse, die hier gewonnen werden,
werden sodann auf den wirklichen Vorfall übertragen: eine neue
Anwendung des „analogischen“ Verfahrens, dessen Wirksamkeit
wir allgemein in der begrifflichen Grundlegung der Physik ver-
folgen konnten.5!) In der Tat setzt jede echte wissenschaftliche
Induktion ein derartiges „Modell“ und gleichsam ein vorangehen-
des Gedankenexperiment voraus. Allerdings kann hierbei der
Fall eintreten, dass alle Mittel der Analyse und der Beobachtung
versagen, dass die Frage Iür uns, mit den gegebenen gegenwär-
tigen Mitteln der Forschung, nicht zu lösen ist. Aber auch diese
Einsicht wird uns alsdann nicht mehr lediglich ein Zeichen der
Ohnmacht des Geistes sein, sondern zugleich ein Zeichen seiner
ursprünglichen Kraft, da er die Gründe, die den weiteren Fort-
schritt hemmen, nunmehr völljg durchschauen, sich selber also
die Schranke seizen wird. Das Bewusstsein der Begrenzung
unseres Verstandes ist in nicht geringerem Maasse Wissen-
schaft, als eine Erkenninis, die uns das positive Sein der Dinge
erschliesst.52) —
Neben die beiden ursprünglichen Methoden der Intuition
und Deduktion, die nach den anfänglichen Festsetzungen das
Ganze des Wissens begrenzen und in sich schliessen sollen, Aritt
im Fortschritt der „Regeln“ ein drities Verfahren, das Descartes
als „Enumeration“ oder „Induktion“ bezeichnet. Ueberall
dort, wo zwischen zwei Gliedern, deren Beziehung wir suchen,
ein deduktiver Zusammenhang nicht unmittelbar einzusehen ist.