Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die melaphysische Bedeutung der „eingeborenen“ Ideen, 429 
einen neuen Anhalts- und Angriffspunkt. Wenn die „eingeborenen“ 
Prinzipien als feste und fertige Gestaltungen gedacht werden, 
die auf dem dunklen Grunde des Bewusstseins irgendwie bereit 
liegen und durch die Tätigkeit des Denkens nur in hellere Be- 
leuchtung gerückt werden —: so werden die reinen Grund- 
kräfte des Geistes wiederum zu „Potenzen“ im Aristotelischen 
Sinne herabgedrückt. Wie der Begriff des Unendlichen, so er- 
scheinen jetzt die übrigen „apriorischen“ Grundlagen vielmehr 
als dingliche Produkte: als Siegel, die der Urheber unseres 
Daseins uns eingedrückt und aufgeprägt hat. „Die intuitive 
Erkenntnis ist eine Erleuchtung des Geistes, vermöge deren er 
im Lichte Gottes die Dinge sieht, die dieser ihm entdecken 
will: sie erfolgt durch eine unmittelbare Einwirkung der gött- 
lichen Klarheit auf unseren Verstand, der hierin nicht als tätig 
zu denken ist, sondern lediglich die Strahlen der Gottheit in sich 
aufnimmt‘“.®) So mündet der wissenschaftliche Rationalismus 
Descartes’ an diesem Punkte unmittelbar in die Mystik ein. 
Die eingeborenen Begriffe werden von neuem in alle Zweideutig- 
keiten des Spiritualismus verstrickt: wie denn Descartes gegenüber 
Einwänden Gassendis ausspricht, dass das Kind, sobald es von 
den Banden des Körpers gelöst würde, die Begriffe Gottes und 
aller Wahrheiten alsbald in sich entdecken würde.®*) In dieser 
Weise vom „Körper“. abstrahieren, heisst von den Bedingungen 
der Erfahrung und Wissenschaft absehen. —— 
Die dualistische Trennung zwischen denkender und ausge- 
dehnter Substanz, die jetzt einsetzt, lässt sich innerhalb der spe- 
ziellen erkenntnistheoretischen Fragestellung an der Entwicklung 
eines einzigen Grundbegriffs verfolgen. Es ist der Begriff der Ein- 
bildungskraft, an dem wir ebensowohl den Zusammenhang mit 
der allgemeinen Mathematik, wie die neue metaphysische Grund- 
tendenz deutlich beobachten können. Wir erinnern uns, welche 
Bedeutung die „Im agination“ innerhalb der Methode selbst er- 
langte: war sie es doch, auf die alle Aussagen und alle abstrak- 
ten Verhältnisbestimmungen sich beziehen mussten und in der sie 
allein ihre exakte Darstellung fanden. Die anschauliche Figur — 
in der Art, wie sie hier gebraucht wurde — war daher selber ein 
reines und unentbehrliches Erkenntnismittel. Die Ausdehnung 
ist, in der Sprache der „Regeln“ ausgedrückt, eine „Dimension“:
	        
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