Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

136 Das Kriterium der klaren und deutlichen Perception.

dem philosophischen Gebrauch, den beide von der mathematischen
 Erkenntnis machen: während sie für den Einen das Mittel
zum Verständnis und zur Entdeckung der empirischen Wirklichkeit
 ist, ist sie für den andern nur das „Schwungbrett“, durch
das er sich zum Uebersinnlichen erhebt, und der sichere Besitz,
mittels dessen er sich im Reiche des „‚Intelligiblen“ heimisch
macht.)
Soll eine Begründung und Vertiefung der „klaren und deutlichen
 Perception“ gesucht werden, die der modernen Richtung
der Frage entspricht, so eröffnet sich hier nur ein einziger Weg:
die Prinzipien müssen, statt auf einen weiter zurückliegenden
metaphysischen Ursprung zurückgedeutet, in ihre wissenschaftlichen
 Folgerungen entwickelt und in ihnen bewährt und gerechtfertigt
 werden. Der Grund ihrer Geltung, nach dem wir
allerdings fragen müssen, erschliesst sich uns, wenn wir sie als
die notwendigen Bedingungen der wissenschaftlichen Erfahrung
und damit unseres Begriffs der Wirklichkeit erkannt und verstanden
 haben. Wo immer dagegen der Blick nicht nach vorwärts
 auf die Entfaltung der Grundsätze in der Erfahrung, sondern
 statt dessen auf ihre metaphysische Entstehung und Erwerbung
 gerichtet ist, da sind die Grenzen der mittelalterlichen
Weltanschauung nicht prinzipiell überschritten. Ueher der Erforschung
 des Anfangs wird das echte Ziel der Erkenntnis verloren
 und preisgegeben. So wird bei Augustin die Mathematik
zum Zeugen dafür, dass der menschliche Geist „nicht sein eigenes
Licht“ ist: dass er in seinem wandelbaren und vergänglichen Sein
die ewige Wesenheit der reinen Ideen nicht zu begründen, sondern
ihre Erkenntnis nur receptiv als Geschenk der göttlichen Allweisheit
 zu empfangen vermag. Wenn Augustin sich daher zur Begründung
 des rationalen Wissens auf den Platonischen Satz der
Wiedererinnerung berufen hatte, so nimmt er diese Erklärung
später ausdrücklich zurück: dass wir unabhängig von den Sinnen
und der Erfahrung zu den reinen intelligiblen Erkenntnissen uns
erheben können, beruht darauf, dass im Momente, in dem wir uns
ihnen zuwenden, das Licht der Einen universellen und ewigen
Vernunft uns unmittelbar gegenwärtig ist und sich auf uns überträgt.?)
 Das göttliche Wort ist die „verborgene Sonne“, die die
awigen Wahrheiten dem inneren Blick des Geistes enthüllt: es.
            
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