Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Pascal. 
war, durch die er dem universalen theoretischen Zweifel ent- 
rann, so wird es für Pascal nunmehr zum sittlichen Mittel- 
punkt des Individuums, zu einem Faktum, an dem sein allge- 
meiner ethischer Pessimismus eine Schranke und einen Wider- 
stand findet. „L’homme connait qu’il est miserable; il est donc 
miserable, puisqu'il l’est; mais il est bien grand, puisqu'’il 
le connait“. (VIII, 13.) Und so drängt sich denn auch die Selb- 
ständigkeit und die Selbstgesetzgebung der Vernunft, die Pascal 
gemäss den theologischen Voraussetzungen des Systems leugnen 
und unterdrücken muss, immer von neuem wider Willen hervor. 
Wie er in den „Provinciales‘“ seinen Ausgang von der Auslegung 
and Verteidigung des Dogmas der Gnadenwahl nimmt, um mit 
der Verteidigung des Rechtes der Forschung gegen die kirchliche 
and päpstliche Autorität zu enden, so begegnet uns in den „Pen- 
sees“ oft unvermittelt ein scharfgeprägtes und charakteristisches 
Wort, das uns in dem Apologeten des Offenbarungsglaubens den 
Logiker und Methodiker wiedererkennen lässt. „La raison nous 
commande bien plus imperieusement qu'un maitre; car en des- 
obeissant ä l’un, on est malheureux et en desobeissant A V’autre, 
on est un sot“. (VI, 2.) Es ist ein tragisches und paradoxes Ge- 
schick, dass der Denker, der diese Sätze schrieb, sich berufen 
glaubte, das rationale Grundprinzip der neueren Philosophie und 
Forschung zu vernichten 
T 
Das Fragment über die geometrische Methode schliesst be- 
reits mit einem Ausblick auf Probleme, die einem anderen Gebiet 
und einem anderen Interesse angehören. Wer die geometrischen 
Wahrheiten über das Unendliche begriffen, wer die Macht und 
Grösse der Natur in der doppelten Unendlichkeit, die uns von 
allen Seiten umgibt, durchschaut hat, der wird in der Betrach- 
tung dieser Wunder zugleich zum Verständnis seiner selbst und 
der Stellung seines eigenen Ich zwischen einer Unendlichkeit und 
einem Nichts der Zeit und des Raumes, der Zahl und der Be- 
wegung gelangt sein: Erwägungen, die wichtiger und wertvoller 
ind, als die ganze übrige Geometrie. So weist zwar nicht die
	        
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