Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Das Ich und das Universum. 
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Begründung, wohl aber das Ziel der Unendlichkeitsbetrach- 
tungen über die bisherigen Grenzen notwendig hinaus. In dem 
Moment, in dem das ethische Problem für Pascal lebendig 
wird, schwindet für ihn zugleich die Bedeutung der theoretischen 
Wissenschaft und ihrer spekulativen Lösungsversuche dahin. Von 
nun an befinden wir uns völlig im Bannkreise Augustinischer 
Stimmung: „Deum et animam scire cupio. Nihilne plus? Nihil 
amnino“, Sobald wir uns der Betrachtung des Menschen zu- 
wenden, sobald wir hier das Ziel und den Mittelpunkt alles 
Wissens erkennen, erweist sich alles „abstrakte“ Wissen als un- 
tauglich: als ein Irrlicht, das uns über die Bedingtheit unseres 
Wesens und unsere Rangordnung im Universum immer von neuem 
täuscht. (VI, 23.) „Die Erkenninis der äusseren Dinge wird mich 
über meine Unkenntnis der Moral in Zeiten der Bedrängnis nicht 
trösten; die sittliche Erkenntnis aber wird mich jederzeit über 
meine Unkenntnis der äusseren Dinge trösten“ (VI, 41). Somit 
verliert die spezielle Physik, weil sie uns dem innersten und 
centralen Interesse entfremdet, jede philosophische Bedeutung. 
Das empirische Forschungsideal Descartes’ wird verworfen: wir 
mögen allgemein feststellen, dass die körperlichen Erscheinungen 
durch Gestalt und Bewegung zustande kommen, aber ans Werk 
zu gehen und ihren Mechanismus im Besonderen aufdecken zu 
wollen, ist lächerlich; „wäre das, was man auf diese Weise findet, 
wahr, so würde die ganze Philosophie nicht eine Stunde Mühe 
aufwiegen“ (XXIV, 100). Die Erkenntnis der Einzigkeit des sitt- 
lichen Problems schliesst die spiritualistische Verachtung der 
Körperwelt und ihrer besonderen Gesetze ein. 
Und dennoch ist es bezeichnender Weise nicht die Ge- 
schichte und die theologische Ueberlieferung, an die sich Pascal 
zur Lösung seiner Aufgabe in erster Linie wendet. Seine Methode 
bleibt auch hier die des psychologischen Analytikers. Die Grund- 
tatsachen, von denen auszugehen ist, gilt es in uns selbst zu ent- 
decken und herauszuheben; die Fragen treten nicht von aussen an 
uns heran, sondern sie sind uns durch die Widersprüche unseres 
eigenen Wesens zwingend aufgegeben. In der Entwicklung dieser 
Widersprüche, in der Darstellung der Grösse und des Elends des 
Menschen vollendet sich Pascals dialektische und stilistische 
Meisterschaft. Es ist auch hier die intellektuelle Verzweiflung,
	        
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