Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Pythagoräer 
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scheidet (owjLathv xal oylKwv T0bG Adfouc Ympic EXdSTOLG TÖVY TPA{PLATOV 
tüv te dreipmv xal tepaıvivtwv).“ So ist es die Zahl, die auf der einen 
Seite das Chaos der Seele lichtet und klärt und die verschwim- 
mende Vielheit der Wahrnehmungen nach Mass und Gesetz ab- 
grenzt, und die andererseits den Objekten der Erkenntnis ihre 
feste Gestaltung und Fügung gibt. Weil ihrem Begriffe aller Trug 
fremd ist, weil sie das erkennende Bewusstsein nicht zu täuschen 
vermag, darum darf sie uns allein die Bürgschaft des echten un- 
veränderlichen Seins heissen. „Nichts von Lüge nimmt die Natur 
der Zahl, der die Harmonie eignet, an. Denn diese ist ihrer Natur 
nicht eigen, vielmehr ist die Wahrheit dem Geschlechte der Zahl 
ursprünglich verwandt und eingeboren.“ % So wird der Inhalt der 
Wirklichkeit hier freilich dogmatisch bestimmt: aber es ist ein 
Dogmatismus, der keine anderen Interessen und keine anderen 
Forderungen über sich anerkennt, als den Maassstab der Erkennt- 
nis. Es ist der reine, wissenschaftliche Begriff, der sich hier zum 
erstenmale absolut setzt. Wenn hierbei Begriff und Sein, wenn 
die intellektuellen Prinzipien und die Sinnendinge noch unter- 
schiedslos in einander aufgehen, so hat sich selbst diese Schranke 
der Pythagoräischen Denkweise — so paradox dies erscheint — 
als eine schöpferische geschichtliche Macht bewährt. Wären die 
Pythagoräer bei dem eigentlichen Gehalt ihrer Entdeckung stehen 
geblieben, so wäre ihnen damit das Gesamtgebiet der reinen Ma- 
thematik gewonnen gewesen: aber erst indem sie hierüber hin- 
ausgehen und Stoffliches und Gedankliches unmittelbar in Eins 
setzen, werden sie damit zugleich zu den Begründern der empi- 
rischen Forschung. Man sollte niemals vergessen, dass die ersten 
Anfänge der wissenschaftlichen Astronomie, wie der exakten Phy- 
sik einer derartig kühnen, gedanklichen Anticipation ihren Ur- 
sprung verdanken. Den Reiz und die fortwirkende Kraft dieser 
Denkweise kann man sich noch unmittelbar an der Schwelle der 
neueren Zeit in Kepler von neuem zur Anschauung bringen. — 
Mit diesem Ausgangspunkt der griechischen Spekulation aber 
ist bereits ihrem ganzen weiteren Verlauf ein eigentümlicher und 
unveränderlicher Charakter aufgedrückt. Wir müssen die grie- 
chische Philosophie mit anderen Entwicklungsreihen vergleichen, 
wir müssen sie etwa der Geschichte des indischen Denkens 
segenüberstellen, um uns dieser ihrer auszeichnenden Besonder-
	        
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