Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Kritik des ontologischen Beweises. 
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eine lehrreiche und bezeichnende geschichtliche Abfolge. Die 
Aufgabe, um derentwillen Descartes zur Metaphysik fortge- 
schritten war, wird jetzt fallen gelassen; der erste Schritt in der 
Entwicklung eben dieser Metaphysik besteht darin, ihren Anfang 
entbehrlich zu machen und in sich selber aufzulösen. . 
Die Sonderstellung, die Malebranche hier innerhalb der 
Fortbildung der Cartesischen Grundgedanken einnimmt,..zeigt 
sich besonders deutlich in der Freiheit, die er gegenüber dem 
Eckstein und Fundament der gleichzeitigen Philosophie, gegen- 
über dem ontologischen Beweisgrund gewinnt. In voller 
Schärfe und Klarheit scheidet er an diesem Punkte seine Lehre 
vom Spinozismus, mit dem schon die Zeitgenossen sie ver- 
glichen hatten, In dem wichtigen und interessanten Briefwechsel 
mit Mairan, der — ein eifriger Anhänger Spinozas — diesen 
Vergleich zuerst ausspricht und der ihn, allen Entgegnungen 
zum Trotz, aufrecht erhält, bezeichnet Malebranche es als den 
Grundmangel der Lehre Spinozas, dass sie die Idee der intelli- 
giblen Ausdehnung mit dem Dasein eines unendlichen existieren- 
den Grundstoffes verwechsele. Zwischen beiden aber besteht kein 
begrifflicher Zusammenhang und keine innerlich notwendige 
Verknüpfung. Der Schluss von der Geltung der Idee auf das 
Sein des Inhalts, der durch sie bezeichnet wird, ist eine leere 
metaphysische Illusion, in die wir durch die Zweideutigkeit des 
logischen Grundkriteriums des Cartesianismus verstrickt werden. 
Der Satz, dass man die Merkmale, die man im Begriff eines 
Dinges „klar und deutlich“ begreift, von der Sache selbst aussagen 
kann, besteht nur dann zu Recht, wenn man auf Grund anderer 
Kennzeichen bereits gewiss ist, dass das „Subjekt“ unseres Urteils 
existiert; er kann nicht dazu verwandt werden, diese Existenz 
selbst erst zu setzen und zu hegründen. Unsere Grunderkennt- 
nisse versichern uns niemals unmittelbar der Dinge, sondern 
nur eines bestimmten Zusammenhangs von Bedingungen. Wir 
müssen, sofern wir den Begriff der Materie setzen, freilich auch 
seine Beschaffenheiten und Eigentümlichkeiten, wie etwa: die Aus- 
dehnung und Teilbarkeit, von ihm aussagen; das aktuelle Dasein 
des Stoffes selbst aber ist keine Eigenschaft und kein logisches 
Merkmal, das jemals aus seiner „Idee“ zu erschliessen wäre. Wir 
mögen diese Idee zu immer grösserer Bestimmtheit und Klarheit
	        
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