Die Kritik des ontologischen Beweises.
489
eine lehrreiche und bezeichnende geschichtliche Abfolge. Die
Aufgabe, um derentwillen Descartes zur Metaphysik fortge-
schritten war, wird jetzt fallen gelassen; der erste Schritt in der
Entwicklung eben dieser Metaphysik besteht darin, ihren Anfang
entbehrlich zu machen und in sich selber aufzulösen. .
Die Sonderstellung, die Malebranche hier innerhalb der
Fortbildung der Cartesischen Grundgedanken einnimmt,..zeigt
sich besonders deutlich in der Freiheit, die er gegenüber dem
Eckstein und Fundament der gleichzeitigen Philosophie, gegen-
über dem ontologischen Beweisgrund gewinnt. In voller
Schärfe und Klarheit scheidet er an diesem Punkte seine Lehre
vom Spinozismus, mit dem schon die Zeitgenossen sie ver-
glichen hatten, In dem wichtigen und interessanten Briefwechsel
mit Mairan, der — ein eifriger Anhänger Spinozas — diesen
Vergleich zuerst ausspricht und der ihn, allen Entgegnungen
zum Trotz, aufrecht erhält, bezeichnet Malebranche es als den
Grundmangel der Lehre Spinozas, dass sie die Idee der intelli-
giblen Ausdehnung mit dem Dasein eines unendlichen existieren-
den Grundstoffes verwechsele. Zwischen beiden aber besteht kein
begrifflicher Zusammenhang und keine innerlich notwendige
Verknüpfung. Der Schluss von der Geltung der Idee auf das
Sein des Inhalts, der durch sie bezeichnet wird, ist eine leere
metaphysische Illusion, in die wir durch die Zweideutigkeit des
logischen Grundkriteriums des Cartesianismus verstrickt werden.
Der Satz, dass man die Merkmale, die man im Begriff eines
Dinges „klar und deutlich“ begreift, von der Sache selbst aussagen
kann, besteht nur dann zu Recht, wenn man auf Grund anderer
Kennzeichen bereits gewiss ist, dass das „Subjekt“ unseres Urteils
existiert; er kann nicht dazu verwandt werden, diese Existenz
selbst erst zu setzen und zu hegründen. Unsere Grunderkennt-
nisse versichern uns niemals unmittelbar der Dinge, sondern
nur eines bestimmten Zusammenhangs von Bedingungen. Wir
müssen, sofern wir den Begriff der Materie setzen, freilich auch
seine Beschaffenheiten und Eigentümlichkeiten, wie etwa: die Aus-
dehnung und Teilbarkeit, von ihm aussagen; das aktuelle Dasein
des Stoffes selbst aber ist keine Eigenschaft und kein logisches
Merkmal, das jemals aus seiner „Idee“ zu erschliessen wäre. Wir
mögen diese Idee zu immer grösserer Bestimmtheit und Klarheit