Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Ideenlehre. — Malebranche. 
ich in meinem Geiste ein Gebäude, so arbeite ich auf einem Bau- 
grund, der nicht mein eigen ist: „cela ne vient point de la mo- 
dalit& qui nous est propre et particuliere, c'est un Gclat de la 
substance lumineuse de notre maitre commun“.!l) — 
Damit ist der letzte.entscheidende Schritt getan, ist der Ueber- 
gang von Descartes zu Augustin vollzogen. (S. oben S. 436 f.) Aber 
der Grundgedanke Augustins erhält hier, wo er mit den Prinzipien 
der modernen Erkenntnistheorie zusammentrifft und mit ihnen 
verschmilzt, allumfassende Bedeutung und Durchbildung. Was 
für die ewigen und notwendigen Wahrheiten, das gilt damit auch 
für die besonderen Erkenntnisse, deren Vorbild und Bedingung 
sie sind. Zwischen dem Bereich der Erkenntnisse und dem Ge- 
samtgebiet der Dinge aber ist jeder Unterschied und jede Schranke 
beseitigt: so erstreckt sich der metaphysische Hauptsatz des Systems 
nunmehr unmittelbar auf alles gegenständliche Wissen überhaupt. 
Wir begreifen erst jetzt den Wert der vorangehenden Reduk- 
tion, vermöge deren die Objekte sich uns in Erscheinungen auf- 
lösten. (S. oben S. 484.) Wenn es für uns keine anderen als in- 
telligible Objekte gibt, wenn alles Intelligible aber ein Beharr- 
liches und Dauerndes enthält, das von unserem wandelbaren Ich 
nur ergriffen, nicht erschaffen werden kann, so verstehen wir den 
Satz, „dass wir alle Dinge in Gott schauen“, als notwendige 
Folgerung. In der Tat: was anders ist der wirkliche Inhalt jeder 
gegenständlichen Wahrnehmung’als ein bestimmt umgrenzter und 
gestalteter Teil der Ausdehnung, der vermöge der Eigenart seiner 
rein geometrischen Struktur und vermöge der Bewegung seiner 
einzelnen Teile bestimmte subjektive Empfindungen der Farbe, 
der Härte u. s. w. in uns hervorruft?) Entsteht aber die Idee 
der Ausdehnung, als ein Unendliches, nicht aus dem Grunde un- 
seres Selbst, sondern ‚muss sie, um Inhalt unseres Bewusstseins 
zu werden, von aussen auf uns übertragen werden, so sehen wir: 
dass wir der Mitwirkung der intelligiblen Welt der Ideen auch bei 
dem einfachsten empirischen Wahrnehmungsakt nicht entbehren 
können. Die Summe der einzelnen Empfindungen — diesen Satz 
übernimmt Malebranche als grundlegende Voraussetzung aus Des- 
cartes’ Analyse des Wahrnehmungsprozesses — gibt uns niemals 
die Gewissheit eines äusseren. Gegenstandes; erst die mathema- 
tischen Begriffe und Urteile sind es, die ihn bestimmen und voll-
	        
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