Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Aufhebung der logischen Grundwahr heiten. 513 
duktiver und jederzeit aufhebbarer Sätze: denn kann nicht morgen 
eine neue Offenbarung unsere evidentesten Vernunftprinzipien 
zu Nichte machen?!®) So ergibt sich ein seltsamer Contrast 
zwischen der positiven Voraussetzung, von der Bayle aus- 
geht, und dem Ziel, bei dem er endigt. Seine Leistung und sein 
Verdienst ist es, die unveräusserliche absolute Einheit der theo- 
vetischen Vernunft erkannt und festgehalten zu haben. Nur als 
Ganzes kann sie, wie er begreift, etwas bedeuten und wirken: 
aber er hat sie, da er sie in diesem umfassenden Sinne nicht zu 
behaupten vermochte, zuletzt als Ganzes verworfen. — 
Nach der subjektiven Ehrlichkeit dieses Schlusssatzes soll hier 
noch nicht gefragt werden; die Entscheidung hierüber wird sich 
von selbst ergeben, wenn wir nunmehr die Kehrseite von Bayles 
Skepsis, innerhalb des Dictionnaire selbst, ins Auge fassen. So 
antschieden er die Vernunft der Wissenschaft bekämpft und 
verwirft, so unantastbar bleibt ihm das Recht der sittlichen 
Vernunft. Die Ausgangssätze des „Philosophischen Kommentars“ 
bleiben in dieser Hinsicht unverändert bestehen, ja sie werden 
nunmehr schärfer und radikaler behauptet und begründet. So 
wenig es dem menschlichen Geiste gegeben ist, in das Sein der 
jenseitigen Dinge einzudringen, so sehr steht ihm das alleinige 
Recht und die selbstgenügsame Kraft zu, sich das Gesetz des 
Handelns zu bestimmen. Jede religiöse Ableitung des Sitten- 
gesetzes wird nunmehr rückhaltlos verworfen. Immer von neuem 
kehrt Bayle zu diesem Gedanken zurück, immer wieder ist es die 
Kraft und Reinheit des weltlichen Ideals der Antike, auf die er 
;ich zu seinem Erweise beruft. Jedem Hinweis auf eine spezi- 
fische Wirkung des Christentums stellt er das Beispiel anderer Re- 
ligionen, jedem Bericht einer übernatürlichen Gnadenwirkung ein 
Zeugnis für die lebendige Wirksamkeit der reinen philosophischen 
Sittenlehre gegenüber. Der „Dictionnaire“ ist die Fundgrube für 
alle Beispiele geworden, in denen die Philosophie der franzö- 
sischen Aufklärung das gleiche Thema behandelt hat. Wenn 
Bayle Islam und Christentum mit einander vergleicht, um den 
Gehalt ihrer Beweisgründe wie den Einfluss auf die innere Ge- 
sinnung ihrer Bekenner gegeneinander abzuwägen, so klingt hier 
der satirische ÖOberton oft in einer Stärke mit, dass man unmit- 
telbar Voltaire zu hören glaubt. Er spricht es aus, dass die 
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