Das psychologische Motiv der Bayleschen Skepsis. 517
Gesetz auch ist, es kann nach Aussen nichts bewegen.‘ Den theo-
‚ogischen Gedanken an eine ursprüngliche Verderbnis der Ver -
aunft hat Bayle überwunden: aber der andere Glaube an das
‚radikale Böse“ in der empirischen Menschennatur ist ihm
geblieben. Und diese ethische Beurteilung findet im theoretischen
Gebiet ihr Gegenstück. Wo er den Socinianismus und seinen
Anspruch einer rationalen Prüfung der Glaubenswahrheiten be-
kämpft, da wirft er ihm bezeichnenderweise vor allem einen
psychologischen Grundirrtum vor. Man muss ein Schwärmer
sein, um zu meinen, dass der Mensch von einem drückenden
Joche befreit wäre, wenn man ihm den Gedanken an abstrakte
Unbegreillichkeiten erliesse. Denn eben der innere Widerspruch
bildet den Reiz und die beständige Anziehungskraft des Glaubens.
‚Wer eine philosophische Religion erfinden will, der mag alle
schwerverständlichen Lehrsätze aus ihr entfernen, aber er mache
sich auch von dem eitlen Wahne frei, dass die Menge ihm je-
mals folgen werde.‘“10) Der Mensch bedarf, seinem Wesen nach, des
festen positiven Dogmas: die Indifferenz in diesem Punkte wird
ihm immer für verächtlicher und verwerflicher gelten, als selbst
ein falsches Bekenntnis.1®) So ist der Zweifel an der Realität
der Vernunft bei Bayle allenthalben nur das Ergebnis und der
notwendige Ausdruck der Verzweiflung an ihrer empirisch - ge-
schichtlichen Verwirklichung. Er ist andernteils bedingt durch
die eingeschränkte Bedeutung, die der Begriff der Vernunft bei
ihm noch besitzt. Den Betätigungen der Vernunft in der modernen
Wissenschaft steht Bayle fern: seine Erörterungen über das Un-
endlichkeitsproblem, so wichtig ihr letztes metaphysisches Er-
gebnis ist, zeigen dennoch, wie sehr ihm jedes innerliche Verhältnis
zur mathematischen Prinzipienlehre fehlt. Daher bleibt das Denken
bei ihm trotz allem zuletzt auf seine scholastische Leistung, auf
die dialektische Zergliederung gegebener Sätze beschränkt: es ist,
wie er selbst es bezeichnet, ein auflösendes und zerstörendes, nicht
ein aufbauendes Prinzip.!®) Die Kritik der positiven Theologie
aber konnte nicht einzig mit den Mitteln der logischen und phi-
lologischen Analyse zu Ende geführt werden; sie bedurfte der Er-
gänzung durch die Philosophie der Naturwissenschaft. Vol-
taire erst, der überall wieder auf Bayles Sätze zurückgeht, ver-
mochte sie zu weiteren und freieren Folgerungen fortzuführen,