Die Ideenlehre und das Problem der Erfahrung. 39
pirischen verstattet, zu bemessen. Banausisch erscheint ihm jeder
Versuch, die Erkenntnis auf ihre konkreten Anwendungen zu
beschränken und einzuengen. So liegt der eigentliche Nutzen der
Arithmetik darin, dass sie „die Seele in die Höhe führt und sie
nötigt, die Zahlen als solche in Gedanken zu fassen, nimmer zu-
frieden, wenn einer ihr Zahlen, die sichtbare und greifliche Körper
haben, vorhält und an ihnen die Untersuchung durchführt“; — so
ist es allgemein die auszeichnende Eigentümlichkeit des Mathe-
matischen, dass es das Bewusstsein zwingt, sich rein des Denkens
selbst, zum Zwecke der Wahrheit selbst, zu bedienen. («öt% t4 vohoe:
yphodaı Em aöthv thv dhHderay.) Nicht minder ist es der eigentliche,
zumeist verkannte und „schwer fassliche“ Wert der Astronomie und
der ihr verwandten Wissenszweige, dass durch jede dieser Disci-
plinen ein Organ der Seele gereinigt und aufgeregt wird, das unter
anderen Beschäftigungen verkümmert und erblindet, während doch
an seiner Erhaltung mehr gelegen ist, als an tausend Augen: denn
mit ihm allein wird die Wahrheit gesehen.?) Aus der Tendenz
und der gedanklichen Grundstimmung, die uns in diesen Sätzen
entgegenklingt, lässt es sich verstehen, wenn neben der Korrela-
tion von Erfahrung und Denken zugleich beständig ihre Anti-
these verfochten und eingeschärft wird. Es ist insbesondere der
Kampf gegen die Sophistik, die den strengen Unterschied zwischen
Wahrnehmung und Begriff nivelliert, durch welchen der Gegen-
satz dauernd wachgehalten wird. An Versuchen, die Beziehung
zwischen den beiden Gebieten des „Seins“ immer enger zu knüpfen
und die Rolle und die Funktion der Ideen in der Bearbeitung des
Problems der Erfahrung selbst zu bewähren, hat es Platon
trotzdem nicht fehlen lassen: ja diese Aufgabe bildet unverkenn-
bar den Leitgedanken und die treibende Kraft, aus der die gesamte
zweite Phase seiner Philosophie mit ihrer Selbstkritik der Ideen-
lehre hervorgegangen ist. So erscheint bereits im Gastmahl der
dialektische Eros als der Mittler, der die beiden geschiedenen
und auseinandergehenden Gebiete des Seins, der Göttliches und
Sterbliches, Sinnliches und Unsinnliches wieder zusammenbindet
und so das All in sich selbst verknüpft. Die Körperwelt bildet
nicht mehr den Widerstreit und den Abfall vom Sein der reinen
Idee, sondern wird zur notwendigen Stufe und Staffel, um sich
„ur Welt der reinen Gestalten emporzuheben. In strengerem lo-