Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einleitung, 
gischen Sinne und frei von jeder Metapher ist die Vermittelung 
sodann im „Sophisten“ im Gedanken der Gemeinschaft der Gattun- 
gen (xoıvwvia tüv jevüv) durchgeführt. Die einzelne „Gattung“ bildet 
nun keinen Sonderinhalt mehr, der für sich allein bestände und 
erkennbar wäre, sondern sie erlangt ihre Kraft und Geltung erst 
durch die Beziehung und Verknüpfung, die sie mit anderen ein- 
geht. Indem die Ideen sich nunmehr wechselseitig bedingen und 
in gemeinsamer Operation zusammenwirken, erschliesst sich 
damit die Aussicht, dass sie in immer vollkommenerer Durch- 
dringung das Gebiet des Veränderlichen selbst zur Bestimmung 
zu bringen vermögen. Die „Bewegung‘ der Idee erscheint selbst 
als eine fruchtbare und notwendige Bedingung des Wissens.2%®) 
Wenn trotzdem, auch in den spätesten Dialogen, der alte dualistische 
Gegensatz zwischen dem Reich des Seins und des Werdens immer 
von neuem laut wird, wenn noch im Fhilebos die Möglichkeit 
einer strengen und exakten Wissenschaft von der Entstehung und 
den Wandlungen dieser unserer empirischen Welt geradezu ge- 
leugnet wird: so zeigt sich hierin freilich, dass Platon selbst den 
Widerstreit in voller prinzipieller Klarheit nicht zu schlichten 
vermochte. Man mag in der Gestaltung der empirischen Physik, 
die der Timaeus bietet, noch so viel auf Rechnung des Mythos 
setzen — und Platon selbst hat die Grenze, die diese Darlegun- 
gen von der strengen Beweisführung trennt, klar und rückhalt- 
los gezogen — die Tatsache, dass die. letzte Erklärung der beson- 
Jjeren Erfahrungswirklichkeit aus den reinen logischen Grund- 
sätzen der Ideenlehre nicht zu leisten war, bleibt dennoch zurück 
and fordert ihre sachliche und geschichtliche Begründung. 
Und hier gilt es vor allem zu erkennen, dass die Schranke, 
die der Ideenlehre in ihrer Entwicklung gesetzt war, mit der phi- 
losophischen Grösse ihres Urhebers aufs engste zusammenhängt. 
Veberall zeigt sich Platon von dem Gefühl beherrscht und durch- 
drungen, dass jede wissenschaftlich giltige Behandlung und Be- 
urteilung der Einzeltatsachen eine bestimmte, rein theoretische 
Grundlegung, eine deduktive Vorbereitung voraussetzt und for- 
dert. Die Vermischung rationaler und empirischer Gründe, die 
uns bei Aristoteles so oft begegnet, ist seinem Wesen innerlich 
fremd. Nirgends beruft er sich auf die Erfahrung als ein be- 
yuemes Auskunftsmittel,. das die Mängel der logischen Beweisfüh-
	        
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