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Zu Buch IT, Cap. 3.
dividuum ein „Spiegel der Welt“ genannt, so gibt auch dieser Aus-
druck, der uns z. B. bei Bovillus und Paracelsus begegnet ist,
nur die allgemeine Anschauung der Zeit vom Verhältnis des
Mikrokosmos zum Makrokosmos wieder. (Vgl. ob. S. 84 f., 199.)
Auch Brunos Satz, dass die veränderlichen Dinge blosse Schatten-
bilder ohne Wesenheit und Wahrheit sind, die an das absolute
substantielle Sein nicht heranreichen, enthält nur die Wiederho-
lung der bekannten Platonischen und Neuplatonischen Grundan-
sicht. Wenn Brunnhofer ihn als Beweis anführt, dass Leibniz die
Lehre von der Phaenomenalität der Sinnenwelt aus Bruno
geschöpft hat, so verkennt er hierin vollständig den neuen und
originalen Sinn, den Leibniz der „Erscheinung“ gibt, sofern er
sie zum Gegenstand notwendiger und allgemeingültiger
Erkenntnis macht. (Näheres hierüber in meiner Schrift „Leib-
niz’ System“ S. 364 ff.) Nicht minder ist der Erweis, dass Leibniz
den Ausdruck und den Gedanken der Weltharmonie von Bruno
entlehnt hat, verfehlt: denn wenn Bruno „die Gesetzmässigkeit des
Alls einer Symphonie vergleicht, deren scheinbar einander wider-
sprechendste Dissonanzen . . zur höchsten Tonharmonie hinüberge-
leitet werden“, wenn er weiterhin in den Uebeln der Welt nur
Schatten sieht, die zur Erhöhung des’ Ganzen des Gesamtgemäldes
notwendig sind, so sind alle diese Wendungen von der antiken,
insbesondere der Neuplatonischen Theodicee her, bekannt. (Vgl.
z. B. Plotin, Ennead. III, 2 u. s.) Ueberhaupt hat der Begriff der
„Weltharmonie“, wie man z. B. aus Keplers „Harmonice mun-
di“ lernen kann, eine reiche und weitverzweigte Geschichte. — Aus
all diesen Beispielen, die sich noch vermehren liessen, ersicht
man, wie irreführend und gefährlich es ist, bloss äussere Krite-
rien zum gültigen Massstab für die Beurteilung innerer gedank-
licher Zusammenhänge zu machen. Die Uebereinstimmung zwi-
schen Leibniz und Bruno erklärt sich zumeist aus den gemein-
samen Beziehungen zu den Grundgedanken der italienischen Na-
iurphilosophie, die ihrerseits wiederum auf Nikolaus Cusanus
zurückgehen. Ist doch der Begriff des „Minimums“ selbst nicht
das ausschliessliche Eigentum Brunos, sondern wird gleich-
zeitig von Patrizzi zur Grundlegung der Mathematik verwandt.
(S. ob, S. 237 ff.)
7) De minimo II, 8, S. 221. — Vgl. Articuli adv. Math. Op.