Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einleitung, 
und „intelligiblen Species“ andrerseits zu erreichen sucht. Die 
letzte Erklärung dieser Harmonie zwischen dem „Subjektiven“ 
und „Objektiven“ aber ruht nunmehr auf einem anderen Funda- 
ment. Für Aristoteles sind die Formen gleichbedeutend mit den 
immanenten Zwecken, denen die einzelnen organischen Gebilde 
kraft der besonderen Eigenart ihres Baus zustreben und in denen 
sie sich vollenden und befriedigen. Keine gedankliche Notwendig- 
keit treibt ihn, solange er der eigenen Grundanschauung treu bleibt, 
über die Natur selbst, als den gegliederten Inbegriff der Zwecke, 
hinauszugehen. Sein Gottesbegriff selbst macht diese innere Schei- 
dung der Gebiete deutlich: denn wenngleich er ihn als den ersten 
Anstoss der Bewegung und des Werdens braucht, so kann er 
seiner als Schöpfer der Einzelsubstanzen entraten. So ist es auch 
keine innerliche Beziehung, die in seiner Betrachtungsweise Gott 
and Welt zusammenhält: nur durch äussere „Berührung“ wirkt 
die Gottheit auf das Universum ein, ohne es weder in seiner 
Wesenheit zu bestimmen, noch auch von ihm selbst irgend eine 
Rückwirkung zu erfahren. Die strenge Sonderung, in der der 
„unbewegte Beweger‘“ rein für sich als absolute Denktätigkeit 
‘vöncıc vohosmg) verharrt, gibt auf der anderen Seite auch der Welt 
des Veränderlichen ihre Freiheit und innere Selbständigkeit wie- 
ler und schützt sie vor jedem äusserlichen Eingriff. Für das 
religiöse Interesse des Mittelalters dagegen muss auch der Grund- 
begriff der „substantielien Form“ allmählich von seiner Stelle 
rücken. Das besondere Sein hat hier nur insoweit Bestand und 
Geltung, als es von dem obersten Urgrund gesetzt ist und mit ihm 
in beständiger, unlöslicher Beziehung verbleibt. Wie die Einzel- 
dinge nur kraft des göttlichen Schöpferwillens existieren, so strebt 
all ihr Denken und Begehren mit innerer Notwendigkeit zu ihm 
zurück: lediglich in diesem fundamentalen Triebe, der sie über 
sich selbst hinausdrängt, liegt die fortdauernde Möglichkeit ihres 
Seins und ihrer Erhaltung. Die „Formen“ der Welt bilden eine 
stetige Stufenreihe, die erst in einem höchsten jenseitigen Sein 
ihren Abschluss und ihre Erklärung findet, Es ist das Vorrecht 
der vernünftigen Seele, dass sie, indem sie in gewisser Weise alle 
diese intelligiblen Wesenheiten in sich fasst, zugleich ihrer sach- 
lichen Beziehung und Abhängigkeit sich bewusst werden kann 
and dass sie sich somit von der Welt des Stofflichen. in die sie
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.