Das Erkenntnisproblem in der Scholastik.
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die sinnliche Empfindung verstrickt, zu immer reineren Gestal-
tungen zu erheben vermag, bis sie bei der reinen „Wirklichkeit“,
der jede Beimischung des „Leidens‘“ fremd ist, zur Ruhe kommt.
Wenn das Erkennen bei Aristoteles die bestehende immanente
Ordnung der Natur nachahmte, so bildet es hier die hierarchische
Gliederung der Zwecke ab. Das Wissen von der Natur hat nur
Wert, sofern es uns zur Erfassung dieser wahrhaften, metaphy-
sischen Ordnung befähigt: der „habitus scientiae“ kann und will
nur die Vorbereitung des „habitus sapientiae“ sein. So fügen sich
alle Zweige und Glieder der Wissenschaft dem Einen entschei-
denden Ziele der Gotteserkenntnis ein: die „reductio artium
ad theologiam“, wie sie u. a. Bonaventura verkündet, ist keine
äusserliche Anbequemung, sondern entspricht der wesentlichen
Begriffsbestimmung, die das Mittelalter. von der Erkenntnis
entwickelt hat. Die „Abstraktion“, die die Scholastik als das
wesentliche Mittel des Erkennens auszeichnet, besitzt eine völlig
andere Bedeutung, als im modernen Sprachgebrauch. Sie dient
nicht dazu, zu immer reineren gedanklichen Beziehungen
und Gesetzen fortzuschreiten, sondern sie sucht, indem sie die
besonderen Nebenumstände abstreift, unter denen ein Objekt uns
sinnlich gegeben ist, zu einem intelligiblen Daseinsgrunde, zu
der Idee im göttlichen Verstande vorzudringen, welche seiner kon-
kreien Existenz voraus liegt. Das erkennende Bewusstsein, die
„aktive Denkkraft“, schafft somit keinen neuen Inhalt, sondern
;lient nur dazu, dasjenige, was im Objekt gegeben ist, in eine
neue Beleuchtung zu rücken und den geistigen Kern, der hier
untermischt mit zufälligen Bestimmungen auftritt, vein herauszu-
schälen. „Erkenntnis des Seienden ist uns möglich, weil es selbst
aus einem schöpferischen (göttlichen) Erkennen stammt, die Dinge
sind für den Geist, weil sie aus dem Geiste sind; sie haben uns
etwas zu Sagen, weil sie einen Sinn haben, den eine höhere In-
telligenz in sie gelegt hat.“®) So mannigfaltig und verschieden-
artig die Erkenntnislehre im Mittelalter sich gestaltet hat: von
diesem metaphysischen Urgrunde hat sie sich nirgends mit prin-
zipieller Entschiedenheit losgelöst. Es wäre ungerecht, die Fein-
heit der begrifflichen Distinktionen zu verkennen, die die Scho-
Jastik nicht nur in technischen Einzelproblemen der Logik, son-
dern auch in der allgemeinen Diskussion methodischer Grund: