Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Begriff der „conjectura“. 
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Die „conjectura“ bedeutet nicht lediglich die Aufhebung des ab- 
soluten Wissens, sondern eben darin den Gehalt und die relative 
Wahrheit der veränderlichen Erscheinungswelt.!*) „Das höchste 
Wissen ist nicht in dem Sinne als unerreichbar anzusehen, als 
wäre uns jeder Zuweg zu ihm versperrt, noch dürfen wir es je- 
mals erreicht und wirklich erfasst wähnen, vielmehr ist es der- 
art zu denken, dass wir uns ihm beständig annähern können, 
während es dennoch in seiner absoluten Wesenheit dauernd un- 
zugänglich bleibt.“ Ein Symbol des göttlichen Seins darf uns 
der Geist nicht in dem Sinne heissen, als wäre er ein toter Ab- 
druck, eine noch so vollkommene Kopie des Unbedingten: einzig 
in seinem Werden, in seiner Selbstentfaltung und Selbstgestaltung 
bewährt sich die Kraft seines Ursprungs. Der Erwerb, nicht der 
Besitz des Wissens gibt der menschlichen Vernunft den Charakter 
der Göttlichkeit.1”) Die empirischen Einzelerkenntnisse selbst gilt 
es nach dem Maasse, in dem sich der reine Begriff in ihnen dar- 
stellt und ausprägt, zu unterscheiden und in ihrem Werte zu ord- 
nen: innerhalb des Sinnlichen selbst müssen wir ein Moment ent- 
decken, das es dem Mathematischen und damit dem Inbegriff 
der „Praecision“ verwandt und zugänglich macht. 
. „Bevor wir uns diese Entwickelung im Einzelnen vergegen- 
wärtigen, müssen wir indes auf die Folgerungen hinblicken, zu 
denen der Begriff der „docta ignorantia“ im ethischen und reli- 
g1ösen Gebiet fortgeführt wird. Hier erst zeigt sich das Prinzip 
in seiner vollendeten modernen Gestalt und Bedeutung. Der Dia- 
Log „de pace et concordantia fidei“ spricht es aus, wie die man- 
nigfachen Formen und Bräuche, in denen die Völker das Gött- 
liche verehren, nur verschiedene Versuche sind, das Unbegreif- 
liche dogmatisch zu begreifen, das Unnennbare in feste Namen 
zu fassen, Jeder Name bleibt gleich unzureichend gegenüber der 
Wesenheit des Einen absoluten Seins. Der Grenzgedanke des Un- 
endlichen bildet den einheitlichen und wesentlichen Kern aller 
Religionen, gleichviel wie sie ihn im Einzelnen bestimmen und 
einschränken mögen: „una est religio et cultus omnium intellectu 
vigentium, quae in omnium rituum varietate praesupponitur“.?®) 
Die Wissenschaft des Nichtwissens ist hier zum Prinzip der reli- 
giösen Duldung und Aufklärung geworden. So sehr Cusanus selbst 
die christlichen Grunddogsmen festzuhalten und dem Ideal jener
	        
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