Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Begriff des Unendlichen.

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Selbsterkenntnis und des Selbstbewusstseins zu erheben. Wenn
somit die Reihe der Zahlen als Symbol des sinnlichen, die Einheit
 als Symbol des reinen intellektuellen Seins gedacht werden
kann, so handelt es sich jetzt darum, das Eine nicht in abstrakter
Isolierung, sondern in seiner Entfaltung, also innerhalb der Welt
der Mehrheit selbst, aufzusuchen und festzuhalten. Wo immer
sich uns also in einer Gruppe bestimmt abgestufter Inhalte ein
Grösser und Kleiner, ein Mehr oder Weniger darstellt, da gilt es
zunächst in ihr begrifflich ein Moment herauszusondern und zu
fixieren, das an dieser Wandlung keinen Anteil hat, ihr vorausgeht
 und sie ermöglicht. Die begriffliche Eigenart der Linie und
des Winkels: dasjenige, was sie von allen anderen geometrischen
Gebilden unterscheidet und sie erst zur Linie und zum Winkel
macht, ist oflenbar in jedem Exemplar der Gattung, wie gross oder
wie klein es immer sei, vollständig und gleichmässig enthalten.
Die einzelne begrenzte Strecke fasst daher nicht das „Wesen“ der
Linie, das vielmehr als unendlich, genauer als ausserendlich —
weil der Betrachtungsweise und den Gegensätzen der blossen Quantität
 entrückt -— gedacht werden muss.?) Der Fortgang ins Unendliche,
 bei dem die bloss zufälligen Differenzen der Grösse verschwinden,
 enthüllt uns erst den rationalen „Grund“ der endlichen Gebilde.®)
 Hier erblicken wir das „Was“ des Kreises oder Dreiecks,
das der sinnlichen Anschauung, die an dem Einzelbeispiel und
seinen willkürlich angenomm€enCh Dimensionen haftet, unzugänglich
 bleibt. Die extensive Ausdehnung und Begrenzung, die eine
Bedingung der sinnlichen Vorstellbarkeit einer bestimmten geometrischen
 Gestalt ist, muss aufgehoben werden, um zu ihrer ursprünglichen
 rationalen Erkenntnis und Definition zu gelangen.
Mit dieser allgemeinen Weisung hat Cusanus, so sehr er noch
mit dem Gedanken und dem Ausdruck ringt, die erste logische
Grundlage für den Begriff des „Unendlich-Kleinen“ geschaffen.
Wir dürfen nicht bei der endlichen und teilbaren Form der
Grösse stehen bleiben, sondern müssen sie, um ihren reinen Begriff
 zu erfassen und ihre gesetzlichen Zusammenhänge zu verstehen,
 aus einem unteilbaren Moment zur Entstehung und Ableitung
 bringen. So ist der Punkt die „Totalität und Vollendung“
der Linie, so ruht die extensive zeitliche Dauer auf dem „Jetzt“
und müsste mit seiner Aufhebung in sich selber zusammenfallen.??)
            
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