Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Objekt und Funktion des Denkens. 
71 
in der Philosophie des Nikolaus Cusanus hinzuweisen, noch auch 
ihn etwa damit schlichten zu wollen, dass man die beiden ent- 
gegengesetzten Denkrichtungen verschiedenen zeitlichen Phasen 
des Systems zuweist. Wir müssen, wenn anders die Kontinuität 
und Einheit des Grundgedankens erhalten bleiben soll, eine lo- 
gische Vermittlung erwarten und einen sachlichen Ausgleich for- 
dern. Fragen wir zunächst, worauf die behauptete Entsprechung 
zwischen dem Geiste und der absoluten Wirklichkeit beruht, so 
sehen wir vor allem, dass es sich hier nicht um ein Abbilden, 
nicht um eine Kopie des transscendenten Seins in irgend einem 
Objekt des Bewusstseins handeln kann. Kein einzelner Begriif, 
kein festes Datum der Vorstellung oder des Denkens, sondern 
lediglich die Operationen und Tätigkeiten des Intellekts, 
aus denen jene Einzelgebilde sich entwickeln, bilden den zutref- 
fenden Vergleichspunkt. Von jedem bestimmten Inhalt des Be- 
wusstseins streng gesondert und geschieden, spiegelt sich die 
höchste, schöpferische Ursache dennoch in der allgemeinen 
Funktion des Bewusstseins wieder: durch keine Bestimmt- 
heit des Denkens zu erfassen, erweist sie dennoch ihren Zusam- 
menhang mit der Einheit und dem Prinzip des Bestimmens. 
Diese letzte moderne Formulierung wird man freilich bei Cu- 
sanus nicht suchen: der Gedanke selbst aber bildet überall die 
latente Voraussetzung, unter der die widerstreitenden Sätze des 
Systems sich sogleich zur Einheit zusammenschliessen. Wenn wir 
nach einem Bild und Beispiel für das göttliche Sein verlangen, so 
dürfen wir es — wie Cusanus selber ausführt — nicht im Bereich 
des Sichtbaren, sondern lediglich im Akt des Sehens selbst 
suchen.‘°) Gott ist die reine, unumschränkte Tätigkeit des Sehens, 
die sich in keinem Einzelobjekt bindet; die Grundkraft des Er- 
kennens, die sich in keinem ihrer Erzeugnisse begrenzt. In ihm 
ist der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem 
Prozess des Erkennens und seinem Gegenstande aufgehoben: 
„purissimus intellectus omne intelligibile intellectum esse facit: 
cum omne intelligibile in ipso intellectu sit intellectus ipse“.#) 
So verhält er sich zur Welt, wie das Eine Licht zu den mannig- 
faltigen Farben, in deren jeder es als Voraussetzung enthalten ist, 
ohne doch jemals in irgend einer von ihnen rein und ungebrochen 
aufzugehen.*”) Unter den vielfachen und wechselnden Namen. die
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.