Geschichtliche Stellung und Fortwirkung des Systems. 77
Tätigkeit sich in konkreter Form offenbart, hängt von, dem Blick
ab, den das einzelne endliche Subjekt auf sie richtet. Das Auge
sieht, indem es sich dem Göttlichen zuwendet, in ihm nichts An-
deres, als sich selbst und seine eigene W ahrheit. So stellt sich
dem Zornigen Gottes Bild zornig, dem F rohen freudig dar; so
blickt Gott den Jüngling mit der Art und Miene des Jünglings,
den Greis mit dem Antlitz des Greises an.®) Das unbedingte Sein
strahlt uns das eigene Wesen, das wir in den endlichen Objekten
nur geteilt und beschränkt wiedererblicken, rein und vollständig
zurück: das Absolute ist in der Art, wie es sich uns darstellt, zu-
gleich das Subjektivste. Kein Wesen kann über die Schranken
seiner Gattung hinausgehen; aller geschichtliche Fortschritt der
Menschheit ist nur die immer bestimmtere und klarere Entfal-
tung dessen, was im menschlichen Geiste implicit enthalten und
vorgezeichnet ist.®) Wenn das Mittelalter das Ziel alles Wissens
in ein jenseitiges Sein verlegte, SO reift hier die Erkenntnis, dass
es nur der immanente Gehalt des Bewusstseins der Menschheit
ist, der im Fortgang der Geistesgeschichte zur Klarheit aufstrebl.
Die neuere Philosophie beginnt damit, dass sie diesen allgemeinen
Gedanken, der für die Spekulation des Nikolaus Cusanus einen
Grenzpunkt bildet, an die Spitze stellt und ihn in mannigfachen
Richtungen und Tendenzen zur Ausführung bringt.
Die nächste geschichtliche Wirkung, die die Erkenntnis-
lehre des Nikolaus Cusanus ausübte, und die Art, in der sie sich
ım Bewusstsein der Zeitgenossen spiegelte, stellt sich uns am deut-
lichsten in den Schriften eines Mannes dar, der nach den ersten
Voraussetzungen seiner Philosophie noch völlig in der Scholastik
wurzelt, der aber zugleich als Mathematiker und Physiker eine
Erneuerung des empirischen Weltbildes anstrebt und damit die
Naturanschauung der Renaissance in wichtigen Hauptzügen
vorbereitet. Carolus Bovillus hat die erste entscheidende Anre-
gung zu seinem logischen und naturphilosophischen System durch
die persönliche Lehre des Faber Stapulensis erhalten, der ein
eifriger Anhänger des Aristoteles, zugleich aber einer der ersten
Schüler Cusas und der Herausgeber seiner Schriften war. Die
Doppelrichtung, die seinem Denken damit gegeben war und die