Full text : Moderne Rechtsprobleme

Hegel und Neuhegelianismus.

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durch empirische Beobachtungen die Gesetze des Weltalls zu er—
kennen. Der Mißgriff Hegels war seinerzeit unvermeidlich, da
man damals noch nicht die nötige Kulturkenntnis hatte, um
die Kulturentwicklung und ihre Kräfte zu erfassen, und um zu
erforschen, in welcher Weise sich empirisch die Kulturentwicklung
gestaltet. Das ist alles Sache der neueren Wissenschaft gewesen,
und wir sind so weit gekommen, um sowohl für das Recht wie
für die Religion gewisse in der menschlichen Seele liegende Bildner
aufzuweisen, welche kulturschaffend wirken. Wer behauptet, daß
die Hegelsche Philosophie mit diesem Hegelschen Irrtum stehe und
falle, der zeigt, daß er Hegel nicht erfaßt hat und Kern und
Schale nicht zu unterscheiden weiß. Das mochte einem Manne
wie Stahl hingehen — er hatte nicht nur seine eigene Flachheit,
sondern auch seine Zeit zur Entschuldigung; heutzutage geht dies
nicht mehr an.
Zur näheren Kennzeichnung des Neuhegelianismus gegenüber
dem Althegeltum füge ich eine Ausführung bei, die ich ander—
wärts gegeben habe.*)
„Unrichtig war es allerdings von Hegel, anzunehmen, daß
die große Welt mit ihrem Werden und Vergehen sich nach einer
bestimmten Begriffsschablone abspiele. Wir haben uns daran ge—
wöhnt, die in der vernünftigen Entwicklung enthaltenen, außer⸗
ordentlich mannigfaltigen Lebenskeime nicht apriorisch zu betrachten,
sondern die ungeheure Gestaltung der Tat in ihrer Wirklichkeit
zu erkennen: die ihr entsprechende Vernünftigkeit ist eben ihr
metaphysischer Hintergrund. Dem Wollen und Walten des Lebens
ist ein ungeheurer Freipaß gegeben, und nicht „jeden Wochentag
macht Gott die Zeche'. Nur in größeren Zwischenräumen läßt
sich die Gesetzlichkeit des Vernünftigen verstehen. Dies begreift
der Neuhegelianismus: er weiß, daß eine unendliche Fülle von
Einzelheiten die Weltgeschichte ausmacht, er sucht sie zu erkennen
und erhebt sie zum Gegenstand seines Studiums; er weiß aber
auch, daß hinter ihnen ein großes Ganzes steht: das Ganze ist
die menschliche Kultur, die sich nach festen Gesetzen entwickeln
muß.“
„So wird die Hegelsche Vernunft zur menschlichen Kultur,
und statt der dialektischen Bewegung haben wir die Kultur—
geschichte in dem Sinne, daß ein Vielfaches, Mannigfaches ge⸗

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Im „Tag“, 4. Februar 1906.
            
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