10 J. Das Problem der Rechtsphilosophie.
schieht, daß aber hinter allem Geschehen ein zeit- und raumloses
Ganzes steht, das sich in der Zeit entwickelt, das die in ihm
liegenden Lebenskeime zur Entfaltung bringt, so daß das geschicht—
liche Geschehen nicht etwa ein Chaos blinder Einzelheiten,
nicht ein Hin- und Herwirbeln zufälliger Vernunftatome ist,
sondern daß das geschichtliche Walten einem großartigen Zwecke
dient und daher vernünftig ist. Nur auf solche Weife wird die
Geschichte zur Wissenschaft. Ein großes Verdienst war es nament⸗
lich, daß neuerdings Dilthey durch Studium der Werke des
jungen Hegel uns einen neuen Blick in das Werden dieses Geistes
verschafft hat, dessen Religionsphilosophie, Rechtsphilosophie und
Asthetik noch jetzt unsere Bewunderung erregen“
„Der aus Frankreich herübergebrachte Positivismus ist eine
dürftige und ungenügende Weltanschauimg oder vielmehr das
Gegenteil einer Weltanschauung: er ist nichts anderes als
ein verwässerter Materialismus und ein Rückschritt gegenüber
der Tat der Enzyklopädisten. Er gleicht dem Beobachter, der bei
einem aufgeführten Musikwerk nur die Schallwellen erkennt und
sie etwa in ihre feinsten Einzelheiten erforscht, aber nichts hört
und von der Bedeutung des Ganzen keine Ahnung hat. Der
Philosoph aber ähnelt dem, der zu hören versteht, und der mit
einem Schlage erkennt, was die ungeheure Menge der mannig⸗
faltigen und verschlungenen Schallwellen zu bedeuten hat: er er⸗
faßt die Tragweite dieser Bewegungen, und er begreift die un⸗
endliche Tiefe des Musikstückes, das durch ihr Wirken verkörpert
wird. Die Verbindung der beiderseitigen Erkenntnis, der Er—
kenntnis des Einzelnen wie des Ganzen, das ist die Tat des
Neuhegelianismus
„Daß auch die Schopenhauersche Philosophie, sosehr sich
Schopenhauer dagegen verwahrte, im' Grund und Wesen auf Hegel
beruht, insofern als der Schopenhauersche Weltwille, soll er uͤber
haupt haltbar sein, nichts anderes als die Entwicklung der ab⸗
soluten Vernunft im realen Werden ist, kann keinem Zweifel
unterliegen. Weniger bekannt dürfte es sein, daß auch der
Nietzschische Grundgedanke auf Hegel zurückführt. Das Hauptverdienst
Nietzsches ist die Kennzeichnung der geschichtlichen Ent⸗
wicklung und der in ihr waltenden Menschenseele in der Art, daß
die Persönlichkeit durchaus nicht in ihrer einzelpersönlichen Wert⸗
schätzung betrachtet werden darf, sondern nur in dem, was ihr
Wirken für die Geschichte bedeutet. In der geschichtlichen Bedeu⸗