Innere Erfahrung der Willensfreiheit. 29
so weiß ich, daß ich mich willkürlich entschließe, in einer Art,
daß der Entschluß nicht von höheren Kräften geleitet, sondern
eine aus meinem Innern hervorgehende Tat der Einzelpersönlich—
keit ist. Das ist das Daimonion, das jeder in sich fühlt; darum
glaubte man in alten Zeiten, daß es ein Geist sei, der in uns
waltet. Daß dies kein einheitlicher Prozeß ist, daß vielmehr Beweg⸗
gründe und Charakter unsere Entscheidung mit beeinflussen, unter—
liegt keinem Zweifel; aber wer tiefer dringt, der erkennt sofort,
daß hier kein Rechenbeispiel vorliegt, so daß die Entscheidung ein⸗
fach aus bestimmten mathematisch festzusetzenden Bildungselementen
hervorgeht, sondern daß zu alledem etwas Neues, nämlich die
innere Entschließung, hinzutreten muß.
Die Willensentschließung hat gewisse Ähnlichkeit mit dem
ursprünglichen Schaffen des menschlichen Genies. Auch
dieses beruht auf einem Gebiet, wo die menschliche Einsicht nicht
mehr auf bestimmte Gesetze zurückzuführen ist, wo eben eine
Eigentat der Persönlichkeit vorliegt; wobei nur der Unterschied
obwaltet, daß der freie Wille das Daimonion eines jeden bildet,
während das Daimonion der Erkenntnis nur wenigen ge—
geben ist.
Diese innere Erfahrung aber ist keine Selbsttäuschung.
Man hat behauptet, das Gefühl des freien Willens beruhe auf
dem Gefühl des nicht von außen Gezwungenseins; damit sei aber
nicht ausgesprochen, daß man nicht gewissermaßen von innen
gezwungen werde, indem unsere einmal vorhandenen inneren Bil—
dungskräfte den Willen mit mathematischer Sicherheit erzeugten.
Man hat behauptet: wenn der Stein denken könnte, so hätte auch
er das Gefühl der Freiheit, sofern er nicht geschleudert wird, son—
dern einfach auf die Erde herunterfällt. Das ist aber völlig ver—
fehlt. Könnte der Stein denken, so würde er erkennen, daß ihn die
Erde anzieht, und zwar nicht ihn allein, sondern alle Dinge der
Erde ohne Unterschied, so daß alles, wenn die Stütze gebricht, zu
Boden fällt. Das Gefühl des freien Willens aber ist nicht nur
das Gefühl des „Nichtgeschleudertseins“, sondern auch das Gefühl,
daß der Persönlichkeit zwischen mehreren Wahlgliedern zu wählen
zusteht, wie wenn etwa der Stein das Gefühl haben könnte, nach
seiner Wahl zu fallen oder nicht zu fallen, ein Gefühl, das sich
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der Entschließung uns die Folgen vergegenwärtigen und
nach der Tat Selbstgefühl oder Reue empfinden. Die innere