Full text : Moderne Rechtsprobleme

Primat des Willens

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Die Lehre vom Primat des Willens geht schon auf den
heiligen Augustin, selbst auf den Apostel Paulus zurück, ist dann
aber hauptsächlich von Duns Scotus entwickelt worden, und
diese Entwicklung gehört zu dem Bedeutendsten, was Duns Scotus
geleistet hat. Damit ist mit einem Schlag der Wille aus dem
Zusammenhange mit dem Vorstellungskreis herausgerissen und
ihm seine selbständige Wesenheit zugeteilt. Wer immer noch der
Ansicht ist, daß die Willensentschließung durch die Übermacht jener
durch die Vorstellung gesetzten Lockungsmittel herbeigeführt werde,
verstößt gründlich gegen diese Errungenschaft langjähriger seelischer
Studien.
Ein weiteres ausschlaggebendes Moment ist folgendes: die
Willenskraft des Menschen ist eine sehr verschiedene, in—
dem der eine den gefaßten Willen gegen alle neuen Angriffe und
Gegenbeweise mit der größten Hartnäckigkeit festhält, während
der andere auch die getroffene Wahl immer wieder den neuen Vor—
stellungen und den von diesen ausgehenden Empfindungsregungen
unterwirft. So gibt es Menschen mit starker und mit
schwacher Willenskraft. Auch hier zeigt sich die Selbständig—
keit des Willens gegenüber den auf den Willen einwirkenden
Beweggründen. Die Willenstätigkeit ist daher jedenfalls etwas
Selbständiges, sie ist nicht der bloße Rückschlag der im
Menschen tätigen Gefühlswelt. Es gibt nichts Irrigeres,
als das „Willensorgan“ zu leugnen und die Entschließungskraft
als die bloße Auslösung einströmender Gefühle zu erklären. Neben
der Gefühlswelt gibt es ein selbständiges Willensorgan, und
dieses ist nicht etwa bloß das Sammelorgan, in welchem sich gewisse
Gefühlswellen treffen, sondern es ist das Organ, in welchem die
ganze Persönlichkeit als Einheit, der Außenwelt gegenüber, zum
Ausdruck gelangt.
Dieses Organ hängt jedenfalls auch physiologisch mit dem
Organ zusammen, in welchem die Gesamtheit der
Erinnerungen sich zum Gefühl der Persönlichkeit ver—
dichtet.
Daher ist es völlig irrig, vom „Assoziationismus“ der
Seelenbewegungen aus gegen die Vorstellung der Freiheit zu schluß⸗
folgern: die Assoziation gibt uns nur das Material, mit dem
der Wille schaltet, nicht den Willen selbst: wenn uns der Arbeiter
den Werkstoff bringt, so ist es der Baumeister, der nach seiner
Weise den Bau gestaltet.
ANuG 128: Kohler, Rechtsprobleme.
            
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