Full text : Moderne Rechtsprobleme

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III. Probleme des Strafprozesses.

dem Eide Gesagte ohne weiteres als wirklich annimmt. Er muß
genau erwägen, ob nicht derartige täuschende Momente möglich
sind, und wenn die Möglichkeit vorliegt, ob so viel andere Gründe
für die Schuld sprechen, daß trotz dessen die Tat als erwiesen
gelten kann. Widersprüche muß er auf diese Weise zu verstehen
lernen, und es ist nichts ungerechter, als solche Gegensätze ohne
weiteres auf bösen Willen und absichtliche Täuschung zurück—
zuführen. Namentlich ist es völlig verkehrt, wenn der Straf—
richter sich allmählich in eine Schablone hineinarbeitet und die
Aussagen von ein oder zwei Zeugen ohne weiteres als bare
Münze annimmt, jede Erklärung des Angeklagten und jede Ein—
wendung der Verteidigung ohne weiteres als verdächtig oder doch
als unglaubwürdig betrachtet und nicht von dem Grundgedanken
der menschlichen Irrtumsmöglichkeit ausgeht.
Eine der ersten Aufgaben der modernen Rechtspflege ist die
Berücksichtigung der Seelenlehre bei Beurteilung menschlicher Be⸗
obachtungen und menschlicher Gedächtnisäußerungen.
Wie viel ist in diesen Beziehungen gefehlt und gesündigt
worden! Leute sind auf Grund falscher Zeugenaussagen verurteilt
worden, und oft hat man Leute, die in gutem Glauben erzählten,
als falsche Zeugen behandelt.
Sehr schlimm ist nun aber auch der Umstand, daß man so—
zar den fahrlässigen Falscheid bestraft und den Menschen, der
nach redlichem Bemühen seine Aussage machte, ins Gefängnis
sperrt, weil man annimmt, er hätte bei größerer Ausdauer der
Gedächtnisprüfung ein richtigeres Ergebnis herausbringen können.
Man zwingt dadurch den Zeugen oder die Partei zu einer Ge—
dächtnisgymnastik, welche durchaus nicht der Wahrheit förderlich
ist, denn eben bei einer solchen Mißhandlung des Ge—
hirns treten alle jene Ergänzungsfehler ein: der Aussagende
wird gerade durch das ständige Bestreben, ja alles genau zu
sagen, von der Natürlichkeit der menschlichen Geistesübung ab⸗
gelenkt, und die Unnatur führt zur Trübung und Unrichtigkeit.
Man darf dem Gedächtnis nicht mehr zumuten, als es leisten
kann; überquält man eine Maschine, so wird sie schlechte Arbeit
liefern.

Die ganze Lehre von dem fahrlässigen Falscheid beruht
auf unrichtigen Vorstellungen in der Seelenlehre; sie beruht
auf dem unzutreffenden Gedanken, als ob etwa unser Gehirn eine
            
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