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Die Mehrzahl der Honoratioren aber gehörte in jeder Stadt dem
Gelehrtenstande an: Theologen, Juristen, Ärzte. Dazu die VLehrer
der Stadtschulen; sie waren meist studierte Theologen, größtenteils
arme Kandidaten. Ein rührendes Geschlecht, an Entsagungen gewöhnt,
häufig mit einem kränklichen Körper behaftet, die Folge eines harten,
entbehrungsvollen Lebens, durch das sie sich heraufgearbeitet hatten.
Die Schule einer ansehnlichen Stadt war eine lateinische. Reichte
sie hoch, daß ihre oberen Klassen für die Universität vorbereiteten,
dann schieden sich aus der Quarta die Knaben, die ein Handwerk lernen
sollten. Diese Einrichtung half dazu, den Bürgersmann in Berührung
mit der gelehrten Bildung zu halten. Daß die Bildung in der Auf—
klärungszeit von intelligenten Bürgern so schnell aufgenommen wurde,
beruht auf dieser Art Schulen.
Denn bald beginnen Männer wie Leibniz, Thomasius und vor
allem Christian Wolf in Halle zu wirken. Bald sind viele aus dem
höheren Bürgertum — Gelehrte, Beamte, Geistliche, große Kaufleute und
Industrielle — Schüler des großen Philosophen von Königsberg. In
diesem letztgenannten Kreise, der sich äußerlich durch Tracht und Lebens—
weise vom Bürgersmann unterschied, war im letzten Jahrzehnte des
Jahrhunderts der beste Teil der nationalen Kraft zu finden. Er war
im Besitze der freiesten Bildung jener Zeit. Er umschloß Dichter und
Denker, erfindende Künstler und Gelehrte, kurz alle, die auf irgend einem
Gebiete des geistigen Lebens als Fuüͤhrer und Bildner Einfluß gewannen. —
Fuür das gesellige Leben der Honoratioren der kleinen Städte war
in den späten Morgenstunden die Apotheke ein schätzenswerter Mittel⸗
punkt. Dort wurden bei kleinem Glase Aquavit Politik und Stadt—
neuigkeiten besprochen und von der Decke und den oberen Gesimsen sahen
Gerippe von Haifischen, ausgestopfte Affen und dergleichen gleichgültig
auf die eifrige Unterhaltung der Gesellschaft herab. Denn schon wurde
außer dem Stadtgespräch mit Vorliebe — und oft mit leidenschaftlichem
Streit sogar unter Familienmitgliedern — Politik verhandelt. Die
Neuigkeiten der Stadt selbst und des Privatlebens darin beschäftigen
große und kleine Leute so ernsthaft, so leidenschaftlich, daß es uns gar
nicht leicht wird, diese tätige Anteilnahme zu begreifen. Der Klatsch
war unaufhörlich. Unter den Tagesereignissen ist das interessanteste die
Ankunft und Abfahrt des Postwagens. Gern bewegte sich der Spazier—⸗
gänger um diese Zeit in der Nähe der Post. Die gewöhnliche Land—
post ist ein sehr langsames, unbehilfliches Beförderungsmittel, ihr
Schneckengang ist berüchtigt. Es gab erst wenige und kurze Kunststraßen
in Deutschland. Doch schon verläßt der Deutsche häufiger Haus und
Stadt, ein bescheidenes Stück seines Vaterlandes zu durchreisen.
Das gewöhnliche gesellschaftliche Vergnügen war genügsam; es war
der Besuch öffentlicher Kaffeegärten. Sie blieben charakteristisch für die