Full text : Nationalökonomie (Teil 1)

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dem disponiblen Boden koste. Erst wenn die Bevölkerung sich mehrt,
der gute Boden knapp wird und man genötigt ist, zur Deckung des
Bedarfs geringere Bodenqualitäten heranzuziehen, müsse der Preis der
Ackerfrüchte so hoch steigen, daß auch die Kosten der Bearbeitung
des schlechteren Bodens aufgebracht würden. Da nun der bessere
Boden denselben Aufwand höher lohnt, so erlange der Eigentümer in dem
gesteigerten Preise einen Ueberschuß über den Arbeitslohn, und dieser
UVeberschuß repräsentiere die Grundrente, Seine Grundrentenlehre führt
ihn zu einem scharfen Gegensatz der Interessen des Grundbesitzers
und der übrigen Bevölkerung, die in den Forderungen einer Erhöhung
der Getreidezölle damals auf das schärfste zu Tage trat. Indem er
zeigt, daß die Grundrente nicht durch Arbeit erzielt wird, sondern ohne
Verdienst des Grundbesitzers ihm durch die allgemeine Entwickelung
zufällt, sucht er das Unberechtigte der Forderung hauptsächlich in der
oben erwähnten Schrift nachzuweisen.
In der gleichen Weise, wie die Verschiedenheit der Bodengüte
zu einer Grundrente führt, kann nach Ricardo eine solche auch durch
verschiedene Aufwendung von Arbeit und Kapital erzielt werden.
Jede weitere Aufwendung nach der gleichen Richtung liefert einen
etwas geringeren Ertrag und besonders einen geringeren Reinertrag;
das zuerst angewendete Kapital erzielt eine höhere Rente, als das
später verwendete, und auch hier ergiebt die Differenz eine Grundrente
 zu Gunsten des ersteren, Eben diese Abnahme der Produktivität
jedes weiteren Aufwandes zwingt bei zunehmender Bevölkerung dazu,
allmählich weitere Strecken Landes auch geringerer Qualität in Angriff
zu nehmen, weil dies immer noch billiger ist, als dieselbe Arbeit auf
den alten Boden zu konzentrieren. Mit Recht betont Ricardo dabei,
daß bei zunehmendem Nahrungsbedarf die mehr erforderliche Arbeit
den Preis des Getreides erhöht und dadurch die Grundrente gewonnen
wird, nicht aber umgekehrt die Steigerung des Getreidepreises die
Folge der Grundrente ist.
Wir finden später noch Gelegenheit, die Angriffe auf diese Lehre
des Näheren zu beleuchten, und bemerken nur, daß gerade in England
 das Steigen der Grundrente zur Zeit Ricardos besonders scharf
in der Steigerung der Pacht, die in England ganz allgemein verbreitet
ist, zu Tage trat, und besonders in der Zeit des allgemeinen wirtschaftlichen
 Aufschwungs und künstlich hoch gehaltener Getreidepreise,
wo zugleich durch die stark gewachsene Bevölkerung der Boden knapp
und teuer war, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Arbeitslohn. Schließlich ist noch die Lehre vom Arbeitslohn hervorzuheben,
auf welche Lassalle sein sogenanntes „ehernes“ Lohngesetz basierte,
wonach der Arbeiter sich bei wirtschaftlicher Freiheit niemals zu einer
gedeihlichen Existenz emporarbeiten könne. Er erreicht dies wiederum
durch eine einseitige Verschiebung der Grundanschauungen Ricardos
ins Extrem, wodurch sie zu einem Zerrbilde werden. Da es gerade
hier auf den Wortlaut selbst genau ankommt, führen wir den Text
Ricardos wörtlich an:
„Die Arbeit, sowie alle andern Dinge, die gekauft oder verkauft
werden, und deren Quantität vermehrt oder vermindert werden kann,
hat einen natürlichen und einen Marktpreis. Der natürliche Preis der
Arbeit ist der, welcher die Arbeiter in den Stand setzt. zu leben und
ihr Geschlecht fortzunflanzen.
            
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