Full text: Nationalökonomie (Teil 1)

bei Homer kennen die Griechen keine Abwechslung in den Speisen. 
Brot, Fleisch und Wein treten überall in der gleichen Weise bei allen 
Mahlzeiten auf, während heutigen Tages die Speisen in der mannig- 
fachsten Weise hergestellt werden. Für die feinen Diners liefern die 
verschiedensten Weltteile ihre Beiträge, und Tausende arbeiten an 
der Herbeischaffung mit. Man vergleiche die einfache Art, mit der 
lie primitiven Völkerschaften ihre Blößen bedecken, und die enorme 
Arbeit, die erforderlich ist, um heutigen Tages die Balltoilette einer 
Dame herzustellen. Das Wesentlichste aber ist, daß der Mensch sich 
abenso erfinderisch erweist, sich seine Arbeit zu erleichtern und mit 
weniger Mühe seine Befriedigungsmittel zu beschaffen, wie er nach er- 
leichterter Arbeit wiederum beständig thätig ist, in sich neue Bedürf- 
nisse zu erwecken, um sich damit neue Arbeit zu schaffen. Sobald 
lie Nähmaschine erfunden war, wurden die Toiletten komplizierter, so 
laß sie noch mehr Arbeit erforderten mit Unterstützung der Maschine, 
als vorher ohne dieselbe. Seit die Stickmaschine erfunden ist, werden 
Stickereien überall bei der gewöhnlichen Kleidung angebracht, wie bei 
Dekorationsgegenständen u. s. w., wo man sie bis dahin nicht kannte; 
und auch die mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung fangen 
an, mehr und mehr davon Gebrauch zu machen. Die Verbesserung 
ler Geschosse führte zur Ausbildung der Panzer. Je dicker und härter 
die Panzerplatten, um so größer werden die Kanonen und Geschosse 
zemacht. Die Verbesserung der Beleuchtung zunächst vereinzelter 
Läden, öffentlicher Lokale regte in der Bevölkerung die Verbesserung 
ler Beleuchtung in den Wohnungen an, die Erhellung jedes Winkels 
n den Zimmern nötigt zu einer besseren Ausstattung der Räume; eine 
Vervollkommnung bedingt die andere. Was zunächst exceptioneller 
Luxus war, wird bald zum allgemeinen täglichen Gebrauch. Das Bei- 
spiel der bevorzugten Klassen regt allmählich die mittleren und unteren 
Klassen zur Nachfolge an. Justus von Liebig sagt gelegentlich 
in seiner „Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie“, 
as sei eine triviale selbstverständliche Wahrheit, daß, wenn der Mensch 
sein Nahrungsbedürfnis ohne Arbeit aus der Luft befriedigen könnte, 
jede wirtschaftliche Thätigkeit, wie jeder wirtschaftliche und soziale 
Unterschied der Klassen, der Gegensatz von Arm und Reich, von 
Herren und Dienern mit einem Schlage aus der Welt geschafft sein 
würde. Das ist ein großer und sehr bezeichnender Irrtum. Denn, 
brauchte der Kulturmensch nicht mehr für die Nahrung zu sorgen, so 
würde er sofort seine sonstigen materiellen Bedürfnisse, ganz besonders 
aber die geistigen steigern, sich damit immer neue Aufgaben stellen, 
der Ungleichheit in der Schaffenskraft einen gleichen - Spielraum ge- 
währen und damit der wirtschaftlichen Thätigkeit ebenso große, wenn 
auch veränderte Entfaltung gestatten, damit aber zugleich zur Aus- 
bildung der Klassengegensätze die gleiche Grundlage gewähren. 
Diese Erkenntnis ist aber für die ganze Auffassung des wirtschaft- 
lichen Lebens hochbedeutsam und geradezu entscheidend. Die Adam 
Smithsche Schule kam vielfach zur falschen Auffassung, weil sie 
Jieses Moment nicht genügend berücksichtigte, die menschlichen Be- 
lürfnisse als für große Perioden feststehend annahm, wie wir später 
wiederholt zu zeigen haben werden. Die Beurteilung unserer modernen 
wirtschaftlichen Entwickelung wird durch die Berücksichtigung des 
Dargelegten eine optimistischere sein. Auch einer stark zunehmenden 
Bevölkerung wird durch die Entwickelung der Bedürfnisse noch die
	        
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