Full text: Nationalökonomie (Teil 1)

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die Löhne besonders hoch sind, wo außerdem durch eine dichte Be- 
völkerung, namentlich in den Städten der Wert des Grund und Bodens 
sehr in die Höhe getrieben ist, daher hohe Mieten zu zahlen sind, wo 
hohe Schutzzölle die Preise der Waren künstlich erhöhen, wird das 
Leben teuer sein. Das Geld hat dort eine geringere Kaufkraft, als in 
einem anderen Lande, wo dergleichen Verhältnisse nicht vorhanden 
sind; und innerhalb desselben Landes wird in den großen Städten 
infolge der hohen Mieten und daher wiederum der hohen Löhne z. B. 
ein Arbeiter, ein Beamter nicht mit der gleichen Summe auskommen, 
wie in der kleinen Stadt, oder die auf dem Lande gerade ausreichte. Die 
allgemeine Steigerung der Löhne infolge der Arbeiterbewegung bildete 
ein wesentliches Moment der Geldentwertung, während dagegen die 
große Zahl der Erfindungen, Entdeckungen und sonstige Fortschritte 
sıne Menge Gegenstände in den letzten Dezennien erheblich verbilligte. 
Man braucht nur an Petroleum, Zucker, die gewöhnlichen Textilwaren, 
viele Chemikalien etc. zu denken, um sich dieses zu vergegenwärtigen. 
Die Verminderung der Transportkosten im Inlande durch die Bahnen, 
im überseeischen Verkehre durch die Durehstechung der Landenge 
von Suez, die Ausbildung des Dampfschiffsverkehres und der Bau 
großer Stahlschiffe haben nicht nur den Preis der meisten Material- 
waren ermäßigt, sondern auch vor allem den des Getreides, so daß 
die: sehr allgemeine Herabdrückung des Preisniveaus der großen Masse 
der Waren in den letzten Dezennien sehr wohl allein durch den wirt- 
schaftlichen Fortschritt ausreichend zu erklären ist, und man nicht 
nötig hat, die Ursache bei den Edelmetallen zu suchen. 
Es giebt aber noch eine dritte Art der Veränderung des Geld- 
wertes, und diese ist es, die bei der gewöhnlichen Betrachtung der Ver- 
hältnisse ins Auge fällt und der Grund ist, weshalb man von der großen 
Geldentwertung im Laufe des letzten Jahrhunderts spricht, nämlich 
die Veränderung der menschlichen Bedürfnisse, der Ansprüche an das 
Leben. Man sagt, daß seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts der Geld- 
wert gewaltig gesunken sei, und versteht darunter, daß heutigen Tages 
ine Familie in derselben sozialen Stellung nicht von der gleichen 
Summe zu leben vermag. Das ist aber nicht deshalb der Fall, weil die 
Preise aller Gegenstände heutigen Tages viel höher sind als damals, 
und infolgedessen die absolute Kaufkraft des Geldes jetzt eine geringere 
ist .als früher, sondern allein oder hauptsächlich, weil unsere Eltern 
and Großeltern sehr viel einfacher lebten, nicht so hohe Anforderungen 
an Komfort u. s. w. machten, weniger für Reisen etc. ausgaben und 
daher mit einer geringern Summe auszukommen vermochten. Es handelt 
3ich um eine relative Verminderung der Kaufkraft derselben Summe. 
Diese Veränderung ist in der neueren Zeit besonders groß in der 
unteren und mittleren Klasse der Bevölkerung gewesen. 
Einfuß der 
Lebensan- 
sprüche auf 
den Geld- 
wert. 
8 29. 
Dievolkswirtschaftlichen Folgender Wertschwankungen 
des Geldes. 
H. Paasche, Die Ursachen der Geldentwertung und ihre bisherige Auffassung. 
Jena 1879. 
E. Nasse, Die Demonetisierung des Silbers. Holtzendorffs Jahrb., I, S. 115. 
Ders., Die Währungsfrage in Deutschland. Preuß, Jahrb., LV, S. 295. Folgen der 
Eine plötzliche Geldentwertung beeinträchtigt alle Klassen, deren Go ientwer- 
Einkommen mehr oder weniger fest in Geld normiert ist. Das ist der - tune.
	        
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