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Fall bei den Rentiers, die ihre festen Zinsen beziehen und natürlich
darunter leiden, wenn dieselbe Summe nicht mehr die gleiche Kauf-
kraft hat, und sie daher nicht mehr so gut davon leben können als
bisher. Ebenso stehen die Verpächter eines Gutes, die Vermieter
eines Hauses da, wenn die Miete für längere Frist fest bestimmt ist.
In der gleichen Lage befinden sich auch die Beamten, deren Gehalt
noch eine lange Zeit dieselbe Höhe zu behalten pflegt, auch wenn die
Kaufkraft desselben wesentlich gesunken ist. Dasselbe ist von den
Arbeitern zu sagen, Man weiß, welche schweren Kämpfe es den
Arbeiter kostet, eine Lohnerhöhung durchzusetzen, und es ist eine That-
sache, daß bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts die Löhne ein halbes,
ja ein ganzes Jahrhundert und darüber in vielen Branchen und Gegenden
so gut wie unverändert geblieben sind, obgleich die Preise aller Lebens-
bedingungen inzwischen nicht unbedeutend gestiegen waren, so daß
der Arbeiter bei demselben Lohne erheblich schlechter stand. Durch
die allgemeine Preissteigerung gewinnt dagegen vor allen Dingen der
Landwirt, der noch lange Zeit hindurch dieselben Löhne und die
gleichen Zinsen zahlt, während ‚seine Einnahmen erheblich steigen.
Muß er auch seine Bedürfnisse höher bezahlen, so fällt dieses doch
viel weniger ins Gewicht als die Steigerung der Preise seiner Pro-
dukte. Er verkauft viel mehr als er kauft. Aus der Differenz hat er
die Löhne zu zahlen, die Verzinsung des angelegten Kapitals zu be-
streiten. Eben darauf beruhte das gewaltige Aufblühen der Landwirt-
schaft in den 50 Jahren von 1825—75, Auch die Industriellen und
Kaufleute stehen sich in solchen Zeiten gut, bis die Löhne gestiegen
sind, und die zunächst niedrig gebliebenen Herstellungskosten allmählich
mit den gesteigerten Warenpreisen in Harmonie gesetzt sind. Durch
die Erwartung einer weiteren Steigerung der Preise ist die Spekulation
animiert, man arbeitet nicht nur für den unmittelbaren Bedarf, sondern
darüber hinaus, und die Kaufmannschaft ist geneigt, Einkäufe auf
Vorrat, Bestellungen für die Zukunft zu machen und gute Preise zu
bieten. In solchen Zeiten ist das ganze wirtschaftliche Leben besonders
angeregt und die produktive Klasse in günstiger Lage.
Die Preissteigerung der Waren, allmählich auch der Löhnung der
menschlichen Arbeit regt zu erhöhter Thätigkeit an, der gesteigerte
Erwerb hebt die ganzen Lebensansprüche und fördert die Kultur. Die
erweiterte Nachfrage nach Waren erstreckt sich nicht gleichmäßig auf
alle Güter, Einige werden vernachlässigt, andere in einem höheren
Maße begehrt, und dieses bewirkt erhebliche Verschiebungen in der
Industrie und auch in den Einkommensverhältnissen, die sich erst all-
mählich wieder ausgleichen können. Steigen die Löhne der unteren
Klassen und damit die Kaufkraft derselben, so erhöht sich nicht die
Nachfrage nach Kartoffeln oder Getreide, sondern in höherem Maße
nach Fleisch, vielleicht nach alkoholischen Getränken; jedenfalls nach
Produkten der Textilindustrie, aber auch wohl weniger nach den
gewöhnlichen Baumwollstoffen, als nach schönerer, feinerer Qualität
von Leinen- oder Wollenzeugen. Doch kann der Aufschwung ge-
wisser Gewerbskategorien auch zur Verbesserung ihrer Lage durch die
erweiterte Nachfrage nach Arbeitskräften verhelfen, die namentlich in
der neueren Zeit leicht zu einer Lohnerhöhung führt, und dies beein-
fiußt wieder die Nachfrage derselben nach ihren Bedarfsartikeln. Die
Erhöhung der Preise, die Erniedrigung des Geldwertes wirkt daher
sehr ungleich und in schwer zu berechnender Weise. Ist der Zustand