zu dem Glauben verleiten lassen, dass sich in jener Zeit und noch
später die Handwerker überall im Wohlstande befunden hätten. Das
ist sicher ein Irrtum. Unsere Urkunden stammen meist aus den grossen
Städten, die in besonderer Blüte standen. Mit ihnen beschäftigt sich
daher meistens der Historiker. Dort war Reichtum vorhanden. An
den kleinen Orten teilte der Handwerker aber die Dürftigkeit seiner
Umgebung und war insbesondere dem grossen Wechsel im wirtschaft-
lichen Leben und den häufigen Notständen unterworfen, welche die
grosse Abhängigkeit von der Natur und der Schutzlosigkeit gegen die
Launen derselben mit sich brachten.
Hatte hie und da der in Zünften organisierte Handwerkerstand
bereits damals versucht, sich in den Rat der Stadt einzudrängen, um
einen Einfluss auf die städtische Verwaltung zu gewinnen — wir er-
innern an die blutigen Kämpfe der Gewerbetreibenden gegen das
Patriziat der Stadt um 1259 in Köln, etwas später in Worms,
Ulm, Freiburg i. B. u. s. w. — 80 erweiterte sich diese Bewegung
ganz allgemein in dem 14. Jahrhundert, welches erfüllt ist von
dem Ringen um die Stadtherrschaft. Hierbei kam den Zünften
die Organisation zu militärisch geschulten Bataillonen wesentlich zu
Statten, welche die Verteidigung der Stadt mit zu übernehmen hatten
und bei den Kämpfen mit den umwohnenden Grossen eine wich-
tige Rolle spielten. Kein Wunder, wenn sie dadurch ihrer Macht
sich mehr und mehr bewusst wurden und in Zeiten der Not der
Stadt, dem Patriziat Konzessionen abzuringen vermochten, indem sie
diese zur Vorbedingung ihrer Hülfe machten. Ebenso haben die
Landesfürsten und Kaiser wiederholt in ihrer Bedrängnis sich die
militärische Hülfe der Zünfte durch Erteilung besonderer Privilegien
an dieselben gegen die Stadtobrigkeit zu erkaufen gewusst, wie z. B.
Ludwig der Bayer.
Diese Zunftbataillone fielen zwar in den grossen Städten öfters
mit den gewerblichen Zünften zusammen, in den kleineren Städten
aber nicht. Es wurden vielmehr verschiedene Zünfte bei den mili-
tärischen Organisationen mit einander verschmolzen. Gleichwohl liegt
wohl allgemein ein innerer Zusammenhang zwischen den gewerb-
lichen Zünften und den Verteidigungskorps der städtischen Bürger
vor. Es trug dieses sicher dazu bei, auch anderen Berufszweigen
zünftlerische Örganisationen zu geben, so dehnte es sich auch auf
Totengräber, Spielleute, Lehrer, Notare, Aerzte etc, aus, die sich dann
den militärischen Korporationen der Handwerker anschlossen.
Von besonderem Interesse ist es aber, die weitere Entwicklung
der Zünfte und speziell in gewerblicher Hinsicht zu verfolgen, denn es
kann keinem Zweifel unterliegen, dass es gerade ‚dieser Organisation
zu verdanken ist, dass das deutsche Gewerbewesen sich zu einer solchen
Blüte erhob, wie wir es in der damaligen Zeit beobachten können. Die
Einrichtung und die Wirksamkeit der Zünfte in dieser Blütezeit sind
es gewesen, welche dem Zunftwesen bis zur Gegenwart hin in der
Wissenschaft wie in der Praxis einen so ehrenvollen Platz verschafft
haben und bewirken, dass bis zum heutigen Tage die Handwerker
selbst immer wieder mit Sehnsucht darauf zurückblicken und darin
die einzige aber sichere Hülfe sehen, um aus der modernen Kalamität
herauszukommen.
Militärische
)rganisation.