'46 —
hältnissen entsprach. Aber dieser Zustand der Blüte sollte und
konnte nach der Welt Lauf nicht ewig dauern. Schon in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts zeigt sich hier und da Missstimmung gegen
die. Zünfte. Man erblickte in ihnen eine Gefahr, weil sie zu über-
mässiger Macht gelangten und diese Macht einseitig zu ihren Gunsten
auszunutzen begannen. Diese Bedenken häuften sich in ausserordent-
lichem Masse bereits im 17. Jahrhundert und steigerten sich bis zur
Umgestaltung Beseitigung des Zunftwesens, Wirtschaftliche Umgestaltungen gaben
der grossen Aierzu einen besonderen Anlass, Zunächst war es die Verlegung der
Handelswege. grossen Verbindungsstrasse zwischen dem Orient und ÖOcecident von
dem Festlande auf die See infolge der Entdeckung des Seeweges nach
Ostindien. Die grosse Verkehsstrasse die sich von den italienischen
Handelszentren Venedig, Genua durch Deutschland hindurchzog, auf
der einen Seite nach dem slavischen Osten und dem skandinavischen
Norden, auf der anderen nach Frankreich und Flandern hatte in hohem
Masse befruchtend auf ganz Deutschland gewirkt. Durch sie hatten
die Hauptstädte ihre Blüthe erlangt und den ausgedehntesten Markt-
verkehr für den Kontinent in sich vereinigt. Jetzt verminderte sich
dieser Verkehr in auffallender Weise, Die grosse Schlagader wurde
unterbunden. Dazu kam, dass durch die allmähliche Ausbildung des
absoluten Regiments die einzelnen Länder sich mehr und mehr gegen
das Ausland abschlossen und sich nach den merkantilistischen Ideen
in der Produktion von dem Auslande unabhängig zu machen trachteten,
Dadurch wurde der blühende Exporthandel Deutschlands mehr und
mehr reduziert, während zugleich die Konsumtionskraft des Inlandes
mehr und mehr abnahm. Innerhalb Deutschlands schlossen sich die
einzelnen Länder und Ländchen, wie die selbständigen Städte immer
Innerer Ver. schärfer durch Zollgrenzen von einander ab und suchten sich nach dem
fall des Landes, Vorbilde der grossen Staaten in einem fortdauernden wirtschaftlichen
Kampf mit den Nachbaren auf deren Kosten zu bereichern. Dadurch
wurde der kaufmännische Verkehr im höchsten Masse erschwert. Von
Worms bis zur Rheinmündung hatten die Waren 17 Zollschranken zu
passieren und überall Abgaben zu entriehten, von Leipzig bis Breslau
12. Wo sollte da noch ein Gewinn für den Kaufmann bleiben. Der zu-
nehmende Aufwand der kleinen Höfe, die es den grossen Herrschern
gleich thun wollten, zehrte an dem Mark des wirtschaftlichen Körpers
in übermässiger Weise, und schliesslich trat der unglückselige dreissig-
Jährige Bürgerkrieg hinzu, um den Wohlstand des Landes, der schon
bisher unter den Religionszwistigkeiten erheblich gelitten hatte, auf
zwei Jahrhunderte zu vernichten.
Unter allen diesen Verhältnissen musste der Handwerkerstand in
besonderer Weise leiden. Dem früheren Aufblühen, wo jede hinzutretende
Kraft nur als eine Bereicherung angesehen wurde, folgte ein Verfall,
bei dem sich Mangel an Arbeit einstellte und jeder Neuhinzukommende
als ein lästiger und gefährlicher Konkurrent angesehen wurde, der das
schon ohnehin knappe Brot noch mehr zu schmälern kam. Da zu
gleicher Zeit in Süddeutschland die Zünfte das Uebergewicht in der
städtischen Verwaltung erlangt hatten, und auch im Norden einen sehr
bedeutenden Einfluss gewonnen hatten, so lag es für die Meister ausser-
ordentlich nahe, die zünftlerische Organisation zu verwerten, um sich
wenigstens in dem Besitzstande zu erhalten und so viel als mög-