Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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hältnissen entsprach. Aber dieser Zustand der Blüte sollte und 
konnte nach der Welt Lauf nicht ewig dauern. Schon in der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts zeigt sich hier und da Missstimmung gegen 
die. Zünfte. Man erblickte in ihnen eine Gefahr, weil sie zu über- 
mässiger Macht gelangten und diese Macht einseitig zu ihren Gunsten 
auszunutzen begannen. Diese Bedenken häuften sich in ausserordent- 
lichem Masse bereits im 17. Jahrhundert und steigerten sich bis zur 
Umgestaltung Beseitigung des Zunftwesens, Wirtschaftliche Umgestaltungen gaben 
der grossen Aierzu einen besonderen Anlass, Zunächst war es die Verlegung der 
Handelswege. grossen Verbindungsstrasse zwischen dem Orient und ÖOcecident von 
dem Festlande auf die See infolge der Entdeckung des Seeweges nach 
Ostindien. Die grosse Verkehsstrasse die sich von den italienischen 
Handelszentren Venedig, Genua durch Deutschland hindurchzog, auf 
der einen Seite nach dem slavischen Osten und dem skandinavischen 
Norden, auf der anderen nach Frankreich und Flandern hatte in hohem 
Masse befruchtend auf ganz Deutschland gewirkt. Durch sie hatten 
die Hauptstädte ihre Blüthe erlangt und den ausgedehntesten Markt- 
verkehr für den Kontinent in sich vereinigt. Jetzt verminderte sich 
dieser Verkehr in auffallender Weise, Die grosse Schlagader wurde 
unterbunden. Dazu kam, dass durch die allmähliche Ausbildung des 
absoluten Regiments die einzelnen Länder sich mehr und mehr gegen 
das Ausland abschlossen und sich nach den merkantilistischen Ideen 
in der Produktion von dem Auslande unabhängig zu machen trachteten, 
Dadurch wurde der blühende Exporthandel Deutschlands mehr und 
mehr reduziert, während zugleich die Konsumtionskraft des Inlandes 
mehr und mehr abnahm. Innerhalb Deutschlands schlossen sich die 
einzelnen Länder und Ländchen, wie die selbständigen Städte immer 
Innerer Ver. schärfer durch Zollgrenzen von einander ab und suchten sich nach dem 
fall des Landes, Vorbilde der grossen Staaten in einem fortdauernden wirtschaftlichen 
Kampf mit den Nachbaren auf deren Kosten zu bereichern. Dadurch 
wurde der kaufmännische Verkehr im höchsten Masse erschwert. Von 
Worms bis zur Rheinmündung hatten die Waren 17 Zollschranken zu 
passieren und überall Abgaben zu entriehten, von Leipzig bis Breslau 
12. Wo sollte da noch ein Gewinn für den Kaufmann bleiben. Der zu- 
nehmende Aufwand der kleinen Höfe, die es den grossen Herrschern 
gleich thun wollten, zehrte an dem Mark des wirtschaftlichen Körpers 
in übermässiger Weise, und schliesslich trat der unglückselige dreissig- 
Jährige Bürgerkrieg hinzu, um den Wohlstand des Landes, der schon 
bisher unter den Religionszwistigkeiten erheblich gelitten hatte, auf 
zwei Jahrhunderte zu vernichten. 
Unter allen diesen Verhältnissen musste der Handwerkerstand in 
besonderer Weise leiden. Dem früheren Aufblühen, wo jede hinzutretende 
Kraft nur als eine Bereicherung angesehen wurde, folgte ein Verfall, 
bei dem sich Mangel an Arbeit einstellte und jeder Neuhinzukommende 
als ein lästiger und gefährlicher Konkurrent angesehen wurde, der das 
schon ohnehin knappe Brot noch mehr zu schmälern kam. Da zu 
gleicher Zeit in Süddeutschland die Zünfte das Uebergewicht in der 
städtischen Verwaltung erlangt hatten, und auch im Norden einen sehr 
bedeutenden Einfluss gewonnen hatten, so lag es für die Meister ausser- 
ordentlich nahe, die zünftlerische Organisation zu verwerten, um sich 
wenigstens in dem Besitzstande zu erhalten und so viel als mög-
	        
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