Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

An 
nachweises wäre ein solches Verfahren unmöglich gewesen. Nur die 
gelernten Böttcher hätten zur Herstellung der Fässer herangezogen werden 
dürfen, während thatsächlich die Vorarbeiten unter der Anleitung jener zum 
grössten Teil ebensogut von etwas anstelligen sonstigen Holzarbeitern aus- 
geführt werden können. Der Gewinn wäre nicht nur jenem Raffineur, son- 
dern auch den im Winter arbeitslosen Zimmerleuten ete. und der ganzen 
Volkswirtschaft verloren gegangen, Bei den ausserordentlichen Schwank- 
ungen der Konjunkturen in der Gegenwart ist es gerade die Aufgabe, 
den Uebergang von einer Thätigkeit zur anderen zu erleichtern, so- 
viel irgend angängig, um der Arbeitslosigkeit entgegen zu wirken; 
denselben zu erschweren, heisst die Aufgaben der Zeit völlig verkennen. 
Strenge Soll nun der Befähigungsnachweis aber einen praktischen Erfolg 
Scheidung derhaben, so ist eine strenge Abgrenzung der einzelnen Gewerbe und der 
Gewerbe, ;hnen zugewiesenen Thätigkeit, wie sie in-dem Zunftwesen bestanden, 
unerlässlich. Denn was hilft dem Tapezierer die zünftlerische Ab- 
schliessung, wenn jeder Sattler oder Möbelarbeiter durch Anfertigung von 
Sofas etc., wie ebenso ein Dekorateur, Maler etc. sie durchbrechen kann. 
Nun ist aber die Abgrenzung der einzelnen Gewerbe oft ausserordentlich 
schwierig, weil der Uebergang ein ungemein allmählicher ist. Das 
hat man in Oesterreich genugsam erfahren, wo die aus solchen Grenz- 
streitigkeiten entstandenen Prozesse die Gerichte fortdauernd beschäftigen 
und schon eine ganze Litteratur hervorgerufen haben. Dahin gehört der 
berühmte Streit, ob die Lederhosen dem Schneider, Sattler oder gar 
dem Handschuhmacher zur Anfertigung zufallen, die Matratzen dem 
Sattler oder dem. Tapezierer, ob der Kugelhupf oder gewisse Bretzeln 
vom Bäcker oder vom Konditor herzustellen sind. Dem ersteren wird 
eigentlich jedes Gebäck abgesprochen, bei dem der Teig einen Zusatz 
von Zucker erhält und nicht nur äusserlich aufgestreut wird. Der Ge- 
brauch hat aber ‚thatsächlich dieses längst durchbrochen, sobald der 
Zucker billiger geworden war. Wo aber hier die Grenze liegt, ist trotz 
aller Streitigkeiten noch von niemandem festgestellt. Zu solchen Un- 
zuträglichkeiten, ja man muss sagen, solchen Ungeheuerlichkeiten kommt 
man aber notwendig, wenn man das moderne wirtschaftliche Leben 
nach einer Schablone behandeln und in dieselbe einzwängen will. 
Mit dem Gesagten ist aber der Kernpunkt der ganzen Frage 
noch nicht berührt, der, wie angedeutet, darin liegt, dass man durch die 
Forderung des Befähigungsnachweises für die Ausübung des Gewerbes 
die Konkurrenz vermindern, dem Handwerker wieder Arbeit und Ver- 
dienst sichern will. In den früheren Jahrhunderten, wo der Hand- 
werker in der Hauptsache für den lokalen Bedarf arbeitete, wo die 
Keine Bezieh: Bevölkerung sehr stationär blieb, konnte man allerdiugs Production und 
A krier 1oka- Bedarf in ein bestimmtes Verhältnis setzen. Man kannte den Bedarf 
Auktion ung der Bevölkerung an Brod, Fleisch, Schuhen und Stiefeln und wusste, 
Lokalbedarf. wie viel Meister und Gesellen nötig waren, um diesen Bedarf zu 
decken; und beschränkte dann in entsprechender Weise die Zahl der 
Gewerbetreibenden. Bildete sich ein Export in die weitere Umgegend 
im Marktverkehr, oder gar für das Ausland heraus, so waren auch die 
Zünfte bereit die Niederlassung einer grösseren Zahl Gewerbetreibender 
zuzulassen. 
In dem Zeitalter des Dampfes, bei dem modernen Post- und 
Eisenbahnverkehr und weitgehendster internationaler Arbeitsteilung hat
	        
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