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Eigentümlich-
keit der mo-
dernen Be-
wegung,.
alter in dem Hörigkeitsverhältnis, in der Scheidung zwischen Adel und
Bürger, dem städtischen Patriciat und der übrigen Bevölkerung, zwischen
den Mitgliedern der Zunft und den unzünftigen Arbeitern, auf dem
Lande zwischen Grundherren!und Hörigen, Das sind alles weit schroffere
Unterscheidungen als sie die Gegenwart kennt, und es ist vielmehr
eine Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, die Kulturstaaten von
diesen alten Banden befreit zu haben. Die Errungenschaften der
französischen Revolution sind eben politische Freiheit und Gleichheit,
wie ebenso wirtschaftliche Freiheit und Selbständigkeit, bis auf geringe
Reste Beseitigung der Klassenvorrechte und damit die Möglichkeit
für einen Jeden, einen Uebergang zu den anderen Klassen zu finden
und sich durch eigene Tüchtigkeit emporzuarbeiten. Niemand kann
verkennen, dass nach dieser Richtung die Verhältnisse sich unendlich
verbessert haben und die Grundlagen der alten Klassengegensätze mehr
und mehr beseitigt sind, wenn man auch demgegenüber zugestehen
muss, dass der Zustand politischer und wirtschaftlicher Freiheit Anlass
zu neuen Gegensätzen geboten hat, wie sie durch die Ungleichheit des
Besitzes, des Wissens und der Intelligenz begründet sind und in dem
sozialen und wirtschaftlichen Kampfe hervortrelen. Sie können aber
niemals die unüberbrückbare Kluft früherer Zeiten herbeiführen.
Worin liegt es, dass gleichwohl im Allgemeinen die früheren
Zeiten eine soziale Frage nicht aufzuweisen haben und noch weniger
in der modernen Weise? So lange die alten Einrichtungen als unab-
änderliche aufgefasst und resigniert ertragen wurden, fehlte dem Gegen-
satze der bedrohliche Charakter, und es lag deshalb kein zu lösendes
Problem vor. Trotz der grossen Menge der Sklaven in der Blütezeit
Griechenlands und Roms fehlte es an einer entsprechenden Bewegung,
das Verhältnis zu lösen. Erst als die Sklaven sich ihrer Macht bewusst
wurden, ihre Stellung als eine Ungerechtigkeit empfanden, und das
Joch abzuschütteln trachteten, bildete sich auch damals eine soziale
Frage heraus, die zum Beispiel in den Sklavenkämpfen des Spartakus
und anderen einen prägnanten und kriegerischen Ausdruck fand. In
der gleichen Weise sind die Bauernkriege im 16. Jahrhundert ein
Zeichen des durchbrechenden Klassenbewusstseins, und in den bekann-
ten Artikeln, in welchen die Bauern ihre Forderungen aufgestellt hatten,
hat man ein Dokument, was von ihnen als Ungerechtigkeit tief em-
pfunden wurde, und was davon vom objektiven Standpunkte aus als
berechtigt anerkannt werden muss.
Je nach der Kulturstufe, auf der sich die betreffende Klasse
befindet, werden natürlich andere Ansprüche anerkannt werden müssen.
Dieselben Einrichtungen sozialer und politischer Natur, dieselben
wirtschaftlichen Ergebnisse, die eine lange Zeit ruhig ertragen wurden,
können infolge eines Kulturfortschrittes als unhaltbar empfunden wer-
den und den Anlass zu einer intensiven Bewegung geben. Die soziale
Frage der Gegenwart hat sich deshalb nicht in den Ländern entwickelt,
in denen die Lage der unteren Klassen am traurigsten war, sondern
in denen, welche den schnellsten Aufschwung genommen haben, und
daher auf der höchsten Kulturstufe stehen: in England, Frankreich
und Deutschland, nicht aber in Russland, der Türkei und auch nicht
in Italien. So lange der russische Bauer mit dem dürftigsten Unter-
halt zufrieden ist, wenn er sich ab und zu noch an Schnaps berauschen