- 195 —-kann.
So lange der Neapolitaner nach nichts weiter strebt, als die
heimische Sonne in Ruhe geniessen zu können und ab und zu als
Luxusspeise Maccaroni zu erlangen, so lange ist die Bevölkerung für
eine tiefgreifende Bewegung nicht reif, wie sie eine soziale Frage schafft.
In der gleichen Weise ist in den Hauptkulturländern die Opposition
nicht von den untersten Schichten ausgegangen, den ungelernten Arbeitern,
nicht von denen der Landbevölkerung, sondern in den Städten
von den vorgeschrittensten und bestbezahlten, wie den Buchdruckern,
Maschinenbauern, Bauarbeitern etc. Die Frauenfrage hat sich nicht
hei den Fabrikarbeiterinnen, Näherinnen, Dienstboten entwickelt, sondern
in den besser situirten Bürgerkreisen, die auf einer höheren Bildungsstufe
stehen. Die soziale Frage ist deshalb nicht, wie sie vielfach
bezeichnet wird, als eine einfache Magenfrage, sondern als eine
Kulturfrage anzusehen.
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Die Ursachen der modernen Arbeiterbewegung.
Nach dem Gesagten ist die Ursache der modernen Bewegung
nicht in einer Verschlechterung der materiellen Lage der betreffenden
Klasse zu suchen, vielmehr unterliegt es gar keinem Zweifel, dass sich Die soziale
dieselbe in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in den in Frage ein
Betracht kommenden Staaten allgemein bedeutend verbessert hat. Sie We des
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vielmehr zu suchen in der erweiterten geistigen Bildung der unteren hrittes,
Klassen, die wir hauptsächlich dem verallgemeinerten und verbesserten
Schulunterricht zu verdanken haben. Die Ausbildung des Intellekts
schliesst, wie schon in der Einleitung dieses Bandes ausgeführt wurde,
naturgemäss auch eine Erweiterung der allgemeinen Lebensansprüche in
sich, die auch die rapide Entwickelung des Volkswohlstandes nicht
entsprechend zu befriedigen vermochte. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
der einfachsten Arbeiter z.B. hat nicht Schritt gehalten mit
der Ausbildung ihrer Genussfähigkeit, obgleich infolge der grossen Erfindungen
der Neuzeit weit mehr durch den einzelnen Arbeiter produziert
werden kann als früher. Es ist aber im Auge zu behalten, dass
die Hauptarbeit in der volkswirtschaftlichen Produktion heutigen Tages
nicht durch physische, sondern durch geistige Kräfte geschieht. Hat
man aber durch den obligatorischen Schulunterricht den geistigen Fortschritt
in den unteren Klassen von Seiten des Staates gefördert, so
wird man denselben die Berechtigung nicht absprechen können, nun
auch höhere Lebensansprüche zu machen. Damit erkennen wir ausdrücklich
auch die Berechtigung der Bewegung an, welche eine Besserung
der Lage der unteren Klassen noch in einem höheren Masse, als
sie bisher zu erreichen war, erstrebt, und ferner, dass die dadurch
herbeigeführte soziale Frage das Ergebnis eines Kulturfortschrittes
ist, und daher in der Hauptsache optimistisch, nicht aber pessimistisch
beurteilt werden muss. Wir werden noch Gelegenheit haben, das Unzureichende
der vorliegenden Verhältnisse näher zu charakterisieren, als
es bereits geschehen ist, um damit den Nachweis zu führen, dass im
[nteresse der weiteren Kulturentwicklung vor allem an einer Besserung
der Lage der untersten Klasse gearbeitet werden muss.
Conrad. Grundriss d. vpolit. Oekonomie., II. Teil. 3. Aufl.