Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

Kine noch erheblichere Entwicklung des Staatswesens, die eine 
weit höhere Kultur voraussetzt als die bisher erörterten Stufen, liegt 
dann in der Uebernahme der Wohlfahrtsaufgaben, die haupt- 
sächlich erst im Beginne der neueren Zeit dem Staate vindiziert sind, 
and sich dann in dem letzten Jahrhundert in besonderer Weise aus- 
zedehnt haben, Die Wohlfahrtszwecke zerfallen wiederum in zwei 
Teile, für das geistige und das materielle Wohl. Lassen sich 
dieselben auch nicht genau scheiden, so haben wir es hier doch in der 
Hauptsache nur mit den letzteren zu thun. 
Aus dem Gesagten ergiebt es sich, dass sich die Gesamtaufgaben 
des Staates dahin zusammenfassen lassen, die Kulturentwicklung zu 
fördern und zwar sowohl die geistige wie die materielle Kultur, davon 
ausgehend, dass dadurch die Grundlagen geboten werden, um bei einer 
So grossen Zahl von Staatsangehörigen als möglich das Gefühl der 
Zufriedenheit (eödayuorla) herbeizuführen. Zufriedenheit ist allerdings 
ein rein subjektives Gefühl, und unter den gleichen Verhältnissen ver- 
mag der Eine sich wohl zu fühlen, während der Andere dabei auf das 
Tiefste unglücklich ist. Aber gewisse Grundlagen sind doch die Vor- 
aussefzung, auf der allein ein glücklicher Zustand gedacht werden 
kann. Weder bei unzureichender Nahrung, noch bei einem scharfen 
Gegensatz zwischen dem Begehren und dem Erreichen kann Zu- 
friedenheit entstehen. Die Grundlagen für ein allgemeines Wohl- 
vefinden und harmonisches Dasein hat der Staat mithin zu erstre- 
ben. Und auch hieraus ergiebt sich die Zweiteilung der Aufgaben 
in die für die geistige und materielle Wohlfahrt, die sichGeistige Wohl 
gegenseitig in hohem Masse bedingen. Die Entwicklung der geis- fahrtszwecke, 
tigen Kräfte bildet die Grundlage für jede höhere wirtschaftliche 
Leistung. Die Erfindungen, welche den gewaltigen Aufschwung unseres 
Wohlstandes im letzten Jahrhundert bewirkt haben, sind das Ergebnis 
moderner geistiger Schaffenskraft, Aber ein gewisser Wohlstand ist 
wiederum unumgänglich notwendig, um zunächst einem kleinen Teile, 
dann allmählich einem immer grösseren der Bevölkerung geistige 
Schulung und höhere Bildung zu verschaffen. Nur auf Grund eines 
Wirklichen Wohlstandes ist höhere geistige Kultur zu erreichen. Hat 
®8 die Volkswirtschaftspolitik auch nur mit dem wirtschaftlichen Leben 
zu thun, so kann sie deshalb die geistige Entwicklung und die Förde- 
Fungsmittel derselben nicht ignorieren und noch weniger das Streben, 
beide in Harmonie zu setzen. Wir müssen deshalb darauf noch näher 
aingehen. 
Bei der Förderung der geistigen Kultur kommt in erster Linie 
die Entwicklung des Intellekts in Betracht, da er, wie erwähnt, haupt- 
sächlich die Schaffenskraft im wirtschaftlichen Leben repräsentiert, 
Aber die Ausbildung des Verstandes schliesst auch unwillkürlich eine 
Erhöhung der Genussfähigkeit und damit der ganzen Lebensansprüche 
in sich. Darin liegt naturgemäss auch ein nicht zu unterschätzendes 
Bedenken. Der geistig Entwickelte übersieht, was die Welt an Ge- 
nüssen zu bieten vermag, und es ist nur zu natürlich, dass in 
ihm .das Streben geweckt und angeregt wird, auch an denselben 
teilzunehmen. Es werden geistige Bedürfnisse in ihm geweckt, die er 
“u befriedigen strebt, Wer lesen gelernt hat, will das auch verwerten. 
Es wird den Menschen dadurch eine neue Welt erschlossen, Mit der 
Vohlfahrts- 
zwecke. 
Tefahren der 
Bildung,
	        
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