Kine noch erheblichere Entwicklung des Staatswesens, die eine
weit höhere Kultur voraussetzt als die bisher erörterten Stufen, liegt
dann in der Uebernahme der Wohlfahrtsaufgaben, die haupt-
sächlich erst im Beginne der neueren Zeit dem Staate vindiziert sind,
and sich dann in dem letzten Jahrhundert in besonderer Weise aus-
zedehnt haben, Die Wohlfahrtszwecke zerfallen wiederum in zwei
Teile, für das geistige und das materielle Wohl. Lassen sich
dieselben auch nicht genau scheiden, so haben wir es hier doch in der
Hauptsache nur mit den letzteren zu thun.
Aus dem Gesagten ergiebt es sich, dass sich die Gesamtaufgaben
des Staates dahin zusammenfassen lassen, die Kulturentwicklung zu
fördern und zwar sowohl die geistige wie die materielle Kultur, davon
ausgehend, dass dadurch die Grundlagen geboten werden, um bei einer
So grossen Zahl von Staatsangehörigen als möglich das Gefühl der
Zufriedenheit (eödayuorla) herbeizuführen. Zufriedenheit ist allerdings
ein rein subjektives Gefühl, und unter den gleichen Verhältnissen ver-
mag der Eine sich wohl zu fühlen, während der Andere dabei auf das
Tiefste unglücklich ist. Aber gewisse Grundlagen sind doch die Vor-
aussefzung, auf der allein ein glücklicher Zustand gedacht werden
kann. Weder bei unzureichender Nahrung, noch bei einem scharfen
Gegensatz zwischen dem Begehren und dem Erreichen kann Zu-
friedenheit entstehen. Die Grundlagen für ein allgemeines Wohl-
vefinden und harmonisches Dasein hat der Staat mithin zu erstre-
ben. Und auch hieraus ergiebt sich die Zweiteilung der Aufgaben
in die für die geistige und materielle Wohlfahrt, die sichGeistige Wohl
gegenseitig in hohem Masse bedingen. Die Entwicklung der geis- fahrtszwecke,
tigen Kräfte bildet die Grundlage für jede höhere wirtschaftliche
Leistung. Die Erfindungen, welche den gewaltigen Aufschwung unseres
Wohlstandes im letzten Jahrhundert bewirkt haben, sind das Ergebnis
moderner geistiger Schaffenskraft, Aber ein gewisser Wohlstand ist
wiederum unumgänglich notwendig, um zunächst einem kleinen Teile,
dann allmählich einem immer grösseren der Bevölkerung geistige
Schulung und höhere Bildung zu verschaffen. Nur auf Grund eines
Wirklichen Wohlstandes ist höhere geistige Kultur zu erreichen. Hat
®8 die Volkswirtschaftspolitik auch nur mit dem wirtschaftlichen Leben
zu thun, so kann sie deshalb die geistige Entwicklung und die Förde-
Fungsmittel derselben nicht ignorieren und noch weniger das Streben,
beide in Harmonie zu setzen. Wir müssen deshalb darauf noch näher
aingehen.
Bei der Förderung der geistigen Kultur kommt in erster Linie
die Entwicklung des Intellekts in Betracht, da er, wie erwähnt, haupt-
sächlich die Schaffenskraft im wirtschaftlichen Leben repräsentiert,
Aber die Ausbildung des Verstandes schliesst auch unwillkürlich eine
Erhöhung der Genussfähigkeit und damit der ganzen Lebensansprüche
in sich. Darin liegt naturgemäss auch ein nicht zu unterschätzendes
Bedenken. Der geistig Entwickelte übersieht, was die Welt an Ge-
nüssen zu bieten vermag, und es ist nur zu natürlich, dass in
ihm .das Streben geweckt und angeregt wird, auch an denselben
teilzunehmen. Es werden geistige Bedürfnisse in ihm geweckt, die er
“u befriedigen strebt, Wer lesen gelernt hat, will das auch verwerten.
Es wird den Menschen dadurch eine neue Welt erschlossen, Mit der
Vohlfahrts-
zwecke.
Tefahren der
Bildung,