Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Arbeitslosig- 
keit. 
Missachtung 
der Arbeiter- 
klasse. 
des Zunftmeisters trat, während der ländliche Arbeiter meist in der 
eigenen Familie, oder als Scharwerker in dem Hause eines anderen 
Arbeiters als Familienmitglied Jahre lang fortarbeitete, bevor er selb- 
ständig auftreten konnte, gehen jetzt die Knaben der Arbeiterklasse in 
die Städte, in die Fabriken und Bergwerke in dem Alter von 14, 15 
Jahren, bevor von irgend einer Befestigung des Charakters die Rede 
sein kann, sich selbst überlassen, ohne einen jeden Halt in Schlafstelle 
und werden den Versuchungen der Grossstadt wie der methodischen Ver- 
führung gewissenloser Agitatoren und rohen Gesindels preis gegeben. 
Unter solchen Verhältnissen kann es gar nicht anders sein, als dass 
die jugendlichen Arbeiter einer zunehmenden Verwilderung verfallen, 
eine jede Autorität, die elterliche wie die staatliche verloren geht und 
damit der Boden vorbereitet wird, auf dem vor allem die sozialdemokratische 
Saat in üppiger Weise aufwuchert. Hier wird sich sicher das Ein- 
greifen der Staatsgewalt als notwendig erweisen, um wenigstens bis 
zum 18. Jahr die Unterbringung jugendlicher Arbeiter in bestimmten 
Familien oder Anstalten durch Eltern oder Arbeitgeber zu verlangen 
und sie unter besondere Kontrolle zu stellen. Nur wenn für die Wurzel 
angemessen gesorgt wird, kann ein gedeihlicher Baumwuchs erwartet 
werden, und kein Opfer dürfte hierfür zu gross erscheinen. 
Allgemeiner anerkannt und schon von uns berücksichtigt sind die 
Uebelstände, welche die Entwicklung unseres modernen Grossbetriebes 
durch die Schwankungen bei der Beschäftigung der Arbeiter unter 
zeitweiliger Arbeits- und Verdienstlosigkeit derselben mit sich geführt 
hat. Hier liegt, wie ausgeführt, eine berechtigte Ursache zur Unzu- 
friedenheit vor. Die Bitterkeit der Not des Arbeiters wird vielfach 
noch verschärft durch die Beobachtung, dass der Unternehmer seinen 
Schaden aus der ungünstigen Konjunktur eben dadurch auf ein Mini- 
mum verringern kann, dass er eine grosse Zahl der Arbeiter entlässt 
und anderen nur zeitweise Arbeitsgelegenheit gewährt, während er von 
günstigen Konjunkturen reichen Gewinn zu erzielen vermochte, indem er 
eine grosse Zahl von Arbeitern zur Erweiterung seiner Thätigkeit viel- 
fach aus gesicherten Stellungen durch das Angebot höherer Löhne her- 
auslockte, die er dann, als nicht mehr so reicher Profit durch sie zu 
erzielen war, auf die Strasse warf. Ist dieser Punkt auch bereits 
wiederholt berührt, so ist er doch zu wichtig, um nicht hier noch ein- 
mal darauf hinzuweisen und später ein näheres Eingehen darauf zu 
beanspruchen. In der gleichen Weise müssen wir noch besonders die 
Kalamität der arbeitenden Klassen behandeln, die durch Krankheit, 
Altersschwäche etc. für sie vorhanden ist, und durch welche sie bis- 
her in grosser Ausdehnung zu Almosenempfängern degradiert wurden. 
Es ist bekannt, wie man in der neueren Zeit, vor allem in Deutsch- 
land. dem durch die Arbeiterversicherung entgegenzutreten bestrebt ge- 
wesen ist; aber auch zugleich wiederholt von der Staatsregierung an- 
erkannt. ist, dass das bisher Geleistete noch nicht ausreichend ist, man 
vielmehr erst in den Anfängen der Massregeln steht und der nächsten 
Zukunft weitere bedeutsame Aufgaben gestellt sind. 
Schliesslich ist noch eine Ursache der Unzufriedenheit in unseren 
Arbeiterkreisen zu konstatieren, welche in höherem Masse in Deutsch- 
‚and als in den anderen Kulturländern vorhanden ist. Das ist die 
Geringschätzung und geradezu unwürdige Behandlung, welcher die
	        
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