Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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treffen, um sich einen gebildeten Beamtenstand heranzuziehen, be- 
vor sie für die unteren Klassen entsprechend eintreten konnte, da 
ihr noch die Mittel fehlten, für die gesammte Bevölkerung in der 
gleichen Weise vorzugehen. Aber, dass dadurch Misstimmung in 
den vernachlässigten Kreisen entstand, ist nur zu begreiflich. Ja 
bei objektiver Beurteilung der Verhältnisse wird man nicht verkennen 
können, dass die Errungenschaften der modernen Zeit, wie die Aus- 
bildung des Verkehrswesens, Post und Eisenbahnen, das Aufblühen 
von Kunst und Wissenschaft, selbst die Fortschritte auf politischem 
Gebiet, wie die Gründung des deutschen Reiches, die mit Opfern an Gut 
und Blut aller Klassen erreicht sind, in weit überwiegendem Masse der ge- 
bildeteten Klasse zu gute gekommen sind und nur von ihr voll gewürdigt 
und genossen werden können. Wer diese Verhältnisse objektiv über- 
schaut, wird sich der Auffassung nicht verschliessen können, dass das 
letzte Jahrhundert eine grosse Schuld gegenüber der unteren Klasse 
zut zu machen hatte, dass noch für das neue Jahrhundert berechtigte 
Anforderungen derselben zu befriedigen bleiben und Staat und Ge- 
sellschaft grosse Aufgaben nach dieser Richtung obliegen. 
Für die Lohnarbeiterklasse im Besonderen lagen und liegen noch 
besondere Umstände vor, die zur Opposition anregten und die moderne 
Bewegung unvermeidlich machten. In erster Linie kommt, wie schon 
angedeutet, die Lohnfrage in Betracht. Sind die Löhne auch in dem 
letzten halben Jahrhundert ganz ausserordentlich gestiegen, während ihre 
Kaufkraft in betreff der gewöhnlichen Unterhaltsmittel gewachsen ist, so 
sind dieselben doch gegenüber andern Ländern wie Frankreich, England, 
den Ver. Staaten erheblich zurückgeblieben und reichen nur in einzelnen 
bevorzugten Branchen aus, um unseren Kulturverhältnissen entsprechend 
den Unterhalt einer Familie zu decken, ohne dass die Frau mit zum 
Verdienste beiträgt und dadurch ihren häuslichen Aufgaben entzogen 
wird. Allgemein ist es anerkannt, dass die Wohnungsverhältnisse in 
den grossen Städten, wie vielfach auf dem Lande, völlig unzulänglich 
und gesundheitsschädlich sind. In dem ersteren Falle hauptsächlich, 
weil der Arbeiter bessere Wohnungen nicht bezahlen kann, auf dem 
Lande teils aus demselben Grunde, teils weil auf den Gütern unzu- 
reichende Wohnungen als Teil des Naturallohnes gewährt werden, 
Ebenso ist die Nahrung und die ganze Körperpflege eine mangelhafte 
und steht weit hinter der in England und den Ver, Staaten zurück. 
Wohl ist es richtig, dass hierfür auch bei demselben Lohne von der 
Arbeiterbevölkerung besser gesorgt werden könnte, wenn sie eine an- 
gemessene Verwendung davon machte und ihn nicht überwiegend für 
Kleiderluxus und alkoholische Getränke opferte. In dieser Beziehung 
ist auf eine Erziehung der Bevölkerung unzweifelhaft hinzuwirken, aber 
Hand in Hand mit einer Erhöhung der Löhne, wie allerdings umge- 
kehrt die letztere ohne die erstere nicht zu einer Besserung der. Ver- 
hältnisse führen wird. 
Missverhältnis Ist hiermit schon ein Moment angegeben, welches auch einen an 
des Verdienstesund für sich angemessenen Lohn nicht zur vollen Geltung kommen 
in der Jugend J5gst, so haben wir noch weitere "Thatsachen anzuführen, welche unter 
und im Alter, a) > z 
unseren . Verhältnissen Anlass zu besonderer Unzufriedenheit gegeben 
haben. Weit weniger beachtet, als er cs verdient, ist der Umstand, 
dass die Arbeiterbevölkerung im jugendlichen Alter gegenüber ihrem
	        
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